Gottesdienst. Nicht?

Ohne Gottesdienst? – Impulse für die nächste Zeit
 
„Wann geht es wieder los?“ – diese Frage haben ich dieser Tage schon öfters gehört. Manchmal laut ausgesprochen, manchmal laut hörbar zwischen den Zeilen versteckt. Die Vorfreude darauf, wieder gemeinsam Gottesdienst feiern zu können, steckt in unserer „geistlichen DNA“. Schlossplatz IX – das ist doch nicht Kirche auf Abstand, sondern „Kirche mittendrin“.
Der Blick auf die Diskussionen und Beschlüsse ist maximal ernüchternd:
 
In den kommenden Wochen und Monaten werden wir neue Erfahrungen mit gelebtem Christsein machen müssen. Die kurzfristig in Kraft tretenden Regeln für „richtige“ Gottesdienste haben eigentlich mit „richtigen“ Gottesdiensten nichts zu tun. Die persönliche Begegnung von Angesicht zu Angesicht wird maskiert. Nähe und Herzlichkeit wird bei allem guten Willen auf 2 Meter Abstand gehalten. Ein Pastor ohne Maske – das geht nur hinter Plexiglas oder 10 Meter entfernt (in unserem Gottesdienstsaal geht das eigentlich gar nicht).
Gemeinsam singen? Verboten. Höchstens unter der Maske mit 4 Meter Abstand. Abendmahl? Einzeln nach vorne kommen. Ein Gefühl wie beim Arzt im Wartezimmer: „Der Nächste bitte“.
 
Ich könnte noch viele Dinge aufzählen, aber ich glaube, das würde die Stimmung nicht wirklich verbessern. Was können wir also konkret tun, um ein starkes und positives Gemeindeleben trotz der Einschränkungen zu entwickeln? Wer nur auf diese „Regeln“ starrt wie ein Kaninchen auf die Schlange, der wird wohl noch lange einer Gottesdienstform hinterher trauern, die derzeitig leider nicht machbar ist.
Darum ist es jetzt unser Weg, neue Formen zu entwickeln. Jesus ist mitten unter uns, wo auch nur „zwei oder drei“ versammelt sind in seinem Namen. (Mt. 18,20) Der Wochenspruch für die nächste Woche könnte auch eine Spur sein, die wir gehen können: In Christus sind wir „neue Schöpfung“. Das Alte ist vergangen und Neues ist geworden. (2. Kor 5,17). Jetzt haben wir in der Tat Gelegenheit, das auch für unser Gemeindeleben durchzubuchstabieren. Was wächst denn aus dem Samenkorn unseres Glaubens Neues, wenn man es sprichwörtlich nackt und bloß zum Sterben in die Erde legt? Was bleibt von unserem Gemeindeleben, wenn es momentan so „nicht“ stattfindet? Was wächst Neues?
 
In manchen Ländern können Christen aus ganz anderen Gründen keine öffentlichen Gottesdienste feiern. Und das nicht nur für ein paar Wochen oder Monate, sondern grundsätzlich. Was können wir von diesen Geschwistern lernen, die zum Beispiel  in Ländern leben, wo Christsein nicht öffentlich gelebt werden darf? Die nicht nur Hygieneregeln auferlegt bekommen, sondern sogar verfolgt werden?
 
Ein paar Gedanken dazu:
1. Wir tragen uns im Herzen. (Röm 16,1-16)
Die lange Grußliste im Römerbrief führt uns vor Augen, dass die Christen in Rom sich untereinander sehr gut kannten. Man traf sich nicht anonym in einer Versammlung, sondern jeder wusste, wer zur Gemeinde gehört. Für uns kann das heißen: Sich bewusst machen, mit wie vielen anderen Christen wir konkret verbunden sind. Vielleicht hilft es, eine Liste von Namen zu schreiben, die uns in den Sinn kommen, und sehr bewusst an diese Menschen zu denken und mit ihnen auch in Kontakt zu bleiben – gerade wenn man sich nicht sowieso am Schlossplatz sehen kann.
 
2. Wir rufen uns an oder chatten miteinander online. 
Richtige Besuche sind leider etwas problematisch, aber warum nicht mal an der Tür klingeln und mit dem nötigen Abstand und ggf. Maske ein Schwätzchen „zwischen Tür und Angel“ führen oder sich bei einem gemeinsamen Spaziergang austauschen? Manche Wohnungen sind vielleicht auch groß genug für Besuche mit den gegebenen Abstandsregeln.
Mit den Online-Möglichkeiten können jederzeit, auch spontan, Treffen mit sehr vielen Leuten gestaltet werden. Wer dazu technisch in der Lage ist, sollte die Chance auf jeden Fall wahrnehmen, auch wenn es anfangs vielleicht etwas ungewohnt ist.
 
3. Wir teilen geistliche Gedanken
„Redet zueinander“ in Psalmen und geistlichen Liedern und singt und spielt dem Herrn in euren Herzen (Eph 5,19). „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen. Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit.“ (Kol 3,16)
Worüber reden wir gerade, wenn wir uns treffen? Natürlich über die Lage und über Corona. Und die Gesellschaft und die Wirtschaft und so weiter. Ja – das bewegt uns natürlich. Der Punkt ist aber: Das sollte uns nicht zu 100% in Beschlag nehmen. Ich möchte mir vornehmen, in Gesprächen möglichst auf einen geistlichen Gedanken zu teilen, der mir wichtig geworden ist. Ein Bibelwort, das mir gerade Kraft gibt. Ein Gebet. Einen Psalm. Ein Liedtext. Wir können gerade nicht richtig miteinander singen – aber wir können die „Seele“ eines Liedes weitergeben, indem wir uns gegenseitig daran erinnern. Wie wäre es z.B. damit: „Weiß ich den Weg auch nicht – du weißt ihn wohl.“ Oder „Sei du der Mittelpunkt in meinem Leben.“ Wir sollten uns gegenseitig daran erinnern, was uns Kraft gibt.
 
4. Wir segnen uns und beten füreinander – auch am Telefon oder im Chat.
Gemeinsames Gebet ist für manche nicht immer einfach. Schon gar nicht, wenn eine zusätzliche „Hürde“ dazwischen ist wie ein Mikrofon oder ein Bildschirm. Bitte denkt daran, dass diese Hürden nur in unserem Kopf existieren. Gott ist nicht abhängig davon, wo und wie wir beten. Aber wir sind davon abhängig, „allezeit“ zu beten. Hier wird es konkret, dass wir „in Jesu Namen versammelt“ sind – und dass uns mehr verbindet als ein Glasfaserkabel und ein Mikrofon. Hier müssen wir vielleicht lernen, uns zu überwinden.
 
5. Wir teilen unsere Hoffnung mit anderen Menschen (1. Petr. 3,15)
Viele Menschen sind durch die Krise schwer belastet. Auch wir selbst sind betroffen. Aber da, wo wir Gott vertrauen und Hoffnung finden, können wir andere mit hineinnehmen in diese Zuversicht. Das ist eine Gelegenheit, von Gott zu sprechen. Zum Beispiel: „Ja – mir fällt das auch schwer, aber es wird mir leichter, wenn ich auf Gott vertraue.“ Oder „Jesus heißt für mich, dass Gott in der Lage ist, an unseren schwersten Krisen teilzunehmen. Das macht mir Mut!“
Natürlich geht es nicht darum, allen unseren Glauben vor die Nase zu halten. Aber es ist eine gute Idee, wo Menschen den Kopf hängen lassen und schwermütig werden, unsere Hoffnung hoch zu halten. Vielleicht ist ein persönliches Gespräch auch die Gelegenheit zu fragen: „Du, darf ich einfach mal für dich beten?“ Viele Menschen reagieren dankbar auf so ein Angebot. Das ist gerade jetzt ein Türöffner!
 
6. Wir handeln in der Gesinnung Jesu Christi (Phil 2, 1-10), den Menschen zugewandt und arbeiten bewusst an unserer Haltung und unserem Charakter, damit unser Leben Christus widerspiegelt.
Die Krise fordert uns maximal heraus. Und sie konfrontiert uns auch mit unseren eigenen „Schlaglöchern“. Um so mehr ist das eine Gelegenheit, im Glauben zu wachsen und aktiv danach zu streben, eine Christus gemäße Haltung einzuüben. Es gibt nicht nur viele Bücher dazu. Vielleicht finden wir auch konkrete Gelegenheiten im Tagesablauf, bei denen wir uns dieses Ziel immer neu bewusst machen und es einüben. Es ist gut, mit einer anderen Person darüber zu reden und sich gegenseitig zu helfen, diese Schritte auf dem Jesus-Weg zu gehen. 
Zweierschaften oder auch Seelsorge können in dieser Zeit ein ganz neuer Weg sein, um Christsein konkret werden zu lassen.
 
 
So weit einige Impulse, wie Gemeindeleben auch jetzt gestärkt werden kann. Ich würde mich freuen, mit euch darüber ins Gespräch zu kommen. Ihr könnt mich gerne anrufen oder mir schreiben – oder natürlich beim nächsten Schlossplatz-Zoom-Chat darüber reden.
 
Viele Grüße und Gottes Gnade und Frieden!
Matthias