Coronazeit: Kirche, aber anders

Liebe Mitglieder und Freunde unserer Evangelischen Gemeinde am Schlossplatz,

„Kirche, aber anders“, so lautete eines der vielen Mottos, dass wir letztes Jahr im Zuge unserer Namensänderung überlegt hatten. Wer hätte gedacht, dass es jetzt gerade so überraschend gut passt?

Alles ist anders geworden. Das mag für die einen nur eine unangenehme und hoffentlich bald vorübergehende Zeit sein. Ich habe aber den Eindruck, dass es den meisten so wie auch mir geht:  Die Corona-Krise kommt und geht nicht nur wie eine fünfte Jahreszeit, sondern sie stellt uns auch in Frage. Mit einem Mal rückt die Frage in den Mittelpunkt, was für uns wirklich wichtig ist. Was ist denn der entscheidende Kern einer christlichen Gemeinde? Wir sind ja nicht nur eine Gruppe von Menschen, die zufälligerweise ein Hobby miteinander teilen und sich darum sozial organisieren. Wir sind in einem viel tieferen Sinn „ein Leib“, weil wir zu Christus gehören. Gemeinschaft miteinander ist Wesenskern jeder christlichen Gemeinde.

Um so dringender stellt sich die Frage, wie wir Gemeinschaft leben und zum Ausdruck bringen können – und diese Frage wird natürlich durch die Corona-Krise maximal strapaziert. Es ist darum kein Wunder, dass gerade wir als Christen auf eine besondere Weise darunter leiden, wenn uns die physische Nähe der Gemeinschaft nicht so möglich ist wie sonst. Ich merke es bei den kurzen Besuchen, die ja nur zwischen Tür und Angel und mit respektvollem Abstand möglich sind: Das fühlt sich nicht „richtig“ an. Statt sich nahe beieinander in einem Raum auszutauschen, finden Gespräche am Telefon statt, und auch wenn ich sehr dankbar bin für die tollen technischen Möglichkeiten der Videokonferenzen: Da fehlt einfach was.

Okay, wir schaffen das schon: Wir wurschteln uns so einigermaßen durch. Und dabei setzen wir ungeahnte Kräfte frei, was Einfallsreichtum und Kreativität betrifft. Es gibt viel Positives zu entdecken, wenn man mal genau hinschaut:

Ich bin begeistert über die Liebe, mit der die „Wundertüten“ gestaltet und bestückt werden. Danke an alle, die hier inhaltlich und gestalterisch beitragen und die Tüten an Kinder und Senioren verteilen. Die Rückmeldungen, die wir bekommen, sind durchweg positiv. Ein fantastisches Zeichen der Verbundenheit! Vielen Dank! Und wie grandios waren die von den Kindern gebastelten Kreuzweg-Szenen oder die Musik, die liebevoll extra für die Online-Gottesdienste aufgenommen wurde (und ich habe sicher noch vieles vergessen aufzuzählen).

Ich freue mich, dass Gottesdienst und sogar das Abendmahl heute auch „online“ mit technischen Hilfsmitteln wie Handys und Computer gefeiert werden können. Sicher: Das ist nur provisorisch. Aber es bringt zum Ausdruck, dass wir am Ball bleiben, und dass wir nicht darauf verzichten, uns gegenseitig an den zu erinnern, der in jeder Krise mittendrin ist: An den Auferstandenen, der überall mitten unter uns ist, wo wir in seinem Namen versammelt sind.

Ich höre von neuen Gebetsinitiativen – national, international, über Konfessionsgrenzen hinweg. Online, im Videochat oder über Whatsapp. Wir wissen aus langer Erfahrung, wer unser wichtigster Ansprechpartner ist. Und die Bibel lehrt uns, dass wir Gott auch in Bedrängnis, in Krankheit und Traurigkeit ansprechen dürfen und sollen. Unser Gebet muss nicht nur Lobpreis sein – auch die Klagepsalmen oder die Klagelieder dürfen uns durch diese Zeit begleiten. Ich bin sicher, dass diese Texte uns jetzt gerade näher sind als mancher Halleluja-Psalm.

Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass wir diese Zeit aber auch sehr unterschiedlich erleben. Einige haben wirklich enorm viel zu tun und leisten mehr als sonst – und das auch noch unter erschwerten Bedingungen. Andere hängen auf einmal in der Luft und müssen mit einer reduzierten Tagesroutine zurecht kommen (oder kriegen Lagerkoller). Für manche ist die Krise auch ein echter wirtschaftlicher Einschnitt mit herben finanziellen Verlusten. Und dann gibt es Einzelne, die auch selbst betroffen sind oder Verwandte und Freunde haben, die erkrankt sind.

Wieder andere sind sehr gelassen und sogar durchaus dankbar für einer Unterbrechung der anstrengenden Routine. Manche fühlen sich „endlich, endlich“ weniger gehetzt und haben Zeit, sich innerlich zu sortieren. 

Aber auch, wenn es sich vielleicht nur so anfühlt, dass wir diese Zeit „aussitzen“ müssen: Ich glaube, dass diese Krise für jeden von uns auf andere Art eine schwere Belastung darstellt. Wir werden danach sicher nicht so weitermachen können, als sei nichts geschehen. Unsere Aufgabe als Gemeinde wird sein, uns mehr als zuvor gegenseitig zu tragen und aufeinander zu achten. Manche, die vorher „stark“ schienen, brauchen jetzt Menschen, die sie liebevoll tragen und aufrichten. Und manche, die uns zuvor verletzlich oder schwach erschienen, entpuppen sich als die wahren Krisen-Bewältiger. Wir werden uns sicher in vielen Punkten neu „entdecken“ und staunen. Und wir werden neu den Wert einer Gemeinschaft schätzen lernen, die für uns da ist, wenn wir einmal selbst getragen werden müssen.

Was ist wohl die zentrale geistliche Botschaft, die jetzt wichtig ist? Darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht, und es gäbe in der Tat eine Menge Dinge, an die man da anknüpfen kann: An die Angst, an das Thema Tod, an die Hoffnung, an Vertrauen, an das Ausharren und so weiter…

Ich glaube, dass wir durch die Krise etwas lernen werden: Dass es mehr Grund gibt zur Dankbarkeit für die einfachen Dinge. Dass unser doch recht komfortables und sicheres Leben keine Selbstverständlichkeit ist. Und dass das Leben am Ende ein großartiges Geschenk ist, das wir hoch wertschätzen sollten. Wir werden besser verstehen, was wichtig ist – und was unwichtig ist. Und wir werden unsere Gemeinde neu lieben lernen – was für ein Geschenk es ist, am Schlossplatz gemeinsam als Christen zu leben, zu feiern, zu lachen, zu essen und zu singen.

Darum: Die zentrale geistliche Botschaft ist für mich, dass wir in dieser Zeit offen sind für die Lernprozesse, die Gott in uns bewirkt. Für all das, wofür Gottes Geist uns ganz neu (oder vielleicht zum ersten Mal?) die Augen öffnet. Dass wir offen sind auch gerade dafür, wie Gott an uns selbst arbeitet: Wo fühlen wir uns gerade auf die Probe gestellt? In welche Richtung „schubst“ Gott uns gerade. Wofür möchte er uns sensibel machen oder wo hinterfragt er uns?

Diese Zeiten innerer und äußerer Prüfung sind ein fester Bestandteil jeder geistlichen Entwicklung – und darum finden wir in der Bibel massenhaft Geschichten von Leuten, die solche Erfahrungen durchmachen mussten: „Quarantäne“ – der Begriff kommt ja tatsächlich von der Zahl 40. Jeder Bibelkenner weiß, wie bedeutungsschwer diese Zahl in den biblischen Texten ist: Es ist die Zahl der Prüfung, der Veränderung, der Initiation, der Sintflut, des Exils Mose, der Wüstenwanderung, der Flucht Elias zum Berg Gottes, der Versuchung Jesu usw.

Die Bibel gibt uns also viele Anhaltspunkte, um uns in diese erlauchte Gemeinschaft von Menschen einzuordnen, die eine „Quarantäne Gottes“ durchmachen mussten.

Achten wir in dieser Zeit ganz bewusst auf die Spuren Gottes! Bestehen wir diese besondere Prüfung – lasst uns unseren ganz eigenen Anfechtungen mutig begegnen und Überwinder sein in Jesu Namen! Lassen wir uns voller Vertrauen von Gott führen und verändern.

Dann werden wir, wie viele andere vor uns, als veränderte Menschen zurückkehren in die Gemeinschaft. Wir werden neue Gaben mitbringen, die wir vorher nicht hatten. Wir werden neues gelernt haben über Gottes Liebe und Gnade.

Ihnen und Euch allen wünsche ich Gottes Segen und Frieden!

Verbunden in Christus

Ihr/Euer Matthias Störmer