Gott kneift nicht

Jetzt ist es so weit: In deinem Bekannten- oder Freundeskreis ist der erste ernste Fall aufgetaucht. Du hörst nicht mehr nur von „leichten Erkältungserscheinungen“, sondern da liegt jemand mit schwerer Atemnot auf der Intensivstation.

Plötzlich bleibt dir der nächste Klopapier-Witz im Hals stecken. Plötzlich findest du es gar nicht mehr übertrieben, dass die Regierung zu radikalen Vorsichtsmaßnahmen aufruft oder sie auch kurzerhand anordnet.

Und plötzlich ist das im Grunde auch alles zweitrangig, denn jetzt geht es um Menschenleben, um Familien, die wirklich (!) Angst um ihre Lieben haben – und es wird dir klar, dass das Leben nicht nur manchmal hart sein kann, sondern dass es jetzt gerade unmittelbar zuschlägt.

Ich war 23 Jahre alt, als meine Mutter an Krebs starb. Zuletzt war die Lunge betroffen. Wir konnten uns in den letzten Stunden als ganze Familie an ihrem Krankenbett versammeln. 

Corona bedeutet, dass auch diese letzte Nähe kaum noch möglich ist. In Italien müssen derzeit Familien in Quarantäne von ihren Liebsten Abschied nehmen, ohne sie noch einmal auf diese Weise begleiten zu können. Ohne einen letzten Kuss, eine letzte Umarmung oder zumindest eine Hand, die gehalten wird. Das macht mich sehr betroffen und traurig, und während ich das hier schreibe, habe ich ehrlich gesagt auch einen Kloß im Hals.

Als Christ glaube ich nicht an einen Gott, der von einem göttlichen Schaltpult aus die Welt nach einem geheimen Plan steuert, den ich mit meinem menschlichen Hirn ohnehin nicht kapiere. Dieses sterile Bild des „Allmächtigen“, der es angeblich dennoch „gut meint“, ist bei mir schon lange zerbröselt.

Nein – als Christ glaube ich vielmehr an den, der im Garten Getsemane von seinen engsten Freunden allein gelassen wurde, und der vor Angst Blut und Wasser geschwitzt hat, weil er sterben musste.

Jemand, der es nicht nur „gut meint“ mit uns, sondern der selbst die ganze Härte des menschlichen Lebens – und des Sterbens – gespürt und gelebt und auf sich genommen hat.

Der sich in seinem Leben in jedweder Lage dafür eingesetzt hat, Leidenden zu helfen und Trauernde zu trösten.

Das ist der einzige, dem ich wirklich vertrauen mag. Und dem ich es glaube, dass er auch in der derzeitigen Krise nicht nur ein paar sterile Knöpfe auf dem „himmlischen Schaltpult“ drückt, sondern der mit uns durch diese Krise hindurch geht und hindurch leidet – zu jeglichem Ausgang.

An den will ich mich wenden mit meinen Sorgen, Ängsten –  und auch mit meiner traurigen Wut.

Vielleicht ist es hilfreich, hier nicht allzu schnell den Ostersonntag mit der Auferstehung Jesu wie einen „Joker“ aus der Tasche zu ziehen. Natürlich lebt unsere christliche Hoffnung durch den Glauben an die Auferstehung. Doch schon die ersten Christen verkündigten Christus nicht nur als Auferstandenen, sondern als den Gekreuzigten (1.Korinther 2,2). Paulus schlussfolgerte sogar, dass er als Christ, wenn er die Kraft der Auferstehung kennen will, auch die „Gemeinschaft der Leiden Christi“ kennen muss (Philipper 3,10).

Die Passionszeit erinnert uns daran, dass Gott auch im Leiden und Sterben gegenwärtig ist, und dass seine Kraft sich nicht in Gesundheit, Wundern und Stärke zeigt, sondern oft im Gegenteil: In Schwachheit.
Für mich ist das um so mehr ein Grund, Christus nachzufolgen und ihm in jeder Situation zu vertrauen. Weil er gezeigt hat, dass er nicht kneift, wenn die Regale mit den einfachen Antworten auf einmal leergekauft sind.

Ich bete für alle, die in diesen Tagen persönlich betroffen sind. Ob es „nur“ der Lagerkoller ist, weil man zu Hause bleiben muss, oder ob es auf einmal wirklich ernst wird: Möge Gott euch Frieden geben in einer Zeit, wo innerer Friede Mangelware ist. Möge sein Friede, der höher ist als alle unsere Vernunft, eure Herzen und Sinne bewahren in Jesus Christus.