Gottes Bund mit Noah

Gottes Bund mit Noah
Die ersten kalten Herbsttage haben wir erlebt, und vielleicht haben wir auch schon ein wenig verdrängt, dass wir auch in diesem Sommer eine große Hitzewelle erlebt haben. Nicht ganz so trocken wie letztes Jahr, aber nichtsdestotrotz ziemlich extrem.
Der Klimawandel ist in vollem Gang, und momentan hat es nicht den Anschein, als ob wir die Sache in den Griff bekommen. Einigen ist es total egal, andere schreien und toben und warnen, die Wissenschaft hat schon seit vielen Jahrzehnten den Zeigefinger erhoben, aber trotz aller Diskussion bewegt sich noch wenig. Manche bezweifeln, ob wir überhaupt etwas daran drehen können. Andere wollen am liebsten die Notbremse ziehen, komme was da wolle. Manche sind ganz gelassen, andere sind in Panik. Ein Thema, das polarisiert, und zu dem es viele Meinungen gibt.
Ganz egal, wie man dazu steht: In dieser Stimmung stellt sich auch heute wieder neu die Frage, wohin unsere Welt steuert, und es stellt sich die Frage, inwiefern menschliche Überheblichkeit, unsere unersättliche Gier und der industrielle Größenwahn dafür verantwortlich sind. Ich habe schon von einigen Menschen gehört, die an dieser Stelle nur für sich denken und sagen: Interessiert mich alles nicht – denn wenn es so weit ist, bin ich ja längst tot. Andere, die vielleicht ein Minimum an Verantwortungsgefühl haben, denken an ihre Kinder und Enkel und sehen die Sache nicht ganz so einfach. Und wer das Ganze weiter denkt, der kommt schnell dahin dass er sagt: Eigentlich müssten wir alle miteinander verbindliche Regeln aufstellen, Gesetze und Maßstäbe, die verhindern, dass unsere ganze Welt den Bach runtergeht. Um unserer Kinder und Kindeskinder willen.
Am heutigen Sonntag geht es auch um Gesetze und Ordnungen, aber zunächst in einem anderen Zusammenhang. Dabei führt uns der Predigttext aber auch ganz nahe heran an eine globale Sichtweise. Denn da geht es um die Sintflut. Wir machen also zuerst einen Ausflug in eine sehr grundsätzliche Erzählung, und dann kommen wir zu der Frage, was das denn nun mit uns heute und mit Gottes Geboten und Ordnungen zu tun hat und was wir damit anfangen können.
Text 1.Mos 8+9: (Das ist nach der Sintflut)
1Mose 8,20
  Und Noah baute dem HERRN einen Altar; und er nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. 21 Und der HERR roch den wohlgefälligen Geruch, und der HERR sprach in seinem Herzen: Nicht noch einmal will ich den Erdboden verfluchen um des Menschen willen; denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an; und nicht noch einmal will ich alles Lebendige schlagen, wie ich getan habe. 22 Von nun an, alle Tage der Erde, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
1Mose 9,8
  Und Gott sprach zu Noah und zu seinen Söhnen mit ihm: 9 Und ich, siehe, ich richte meinen Bund mit euch auf und mit euren Nachkommen nach euch 10 und mit jedem lebenden Wesen, das bei euch ist, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren der Erde bei euch, von allem, was aus der Arche gegangen ist, von allen Tieren der Erde. 11 Ich richte meinen Bund mit euch auf, daß nie mehr alles Fleisch ausgerottet werden soll durch die Wasser der Flut, und nie mehr soll es eine Flut geben, die Erde zu vernichten. 12 Und Gott sprach: Dies ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und jedem lebenden Wesen, das bei euch ist, auf ewige Generationen hin: 13 Meinen Bogen setze ich in die Wolken, und er sei das Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde.

Die Sintfluterzählung in der Bibel hat einen besonderen Platz. Sie gehört zu den Anfangserzählungen, den Ur-Erzählungen. Der Schwerpunkt liegt dabei weniger auf den einzelnen beteiligten Personen und dem genauen Ablauf als vielmehr darauf, was diese Erzählung uns über unser eigenes Leben zu sagen hat.
Um das zu verstehen, müssen wir erstmal an den Anfang der Sintflut zurück gehen. Alles fing damit an, dass Gott mit der Gesamtsituation nicht so ganz zufrieden war. Die Menschen hatten sich fröhlich vermehrt und auf der Erde ausgebreitet, aber sie machten auch viel Blödsinn, und es passierten viele schlimme Dinge. Und Gott dachte so: „Hm – war vielleicht doch keine so gute Idee mit den Menschen. Vielleicht wäre es besser, wenn ich das alles wieder rückgängig mache.“
Aber einen Menschen mit seiner Familie rettet er und fängt sozusagen nochmal von vorne an. Noah, so heißt es, fand Gnade vor den Augen des Herrn.
Diese Geschichte aus der Bibel war im alten Orient recht gut bekannt, und wahrscheinlich hat sie ihren Ursprung in Mesopotamien, im Zweistromland. Dort lebten die Menschen mit der Erfahrung, dass Wasser nicht nur eine gute Sache ist, sondern manchmal auch bedrohlich. Immer wieder gab es Überflutungen. Vielleicht geht die Sintfluterzählung aber auch auf ein noch älteres Ereignis zurück, das mit der Entstehung des schwarzen Meeres zu tun hat. Die wissenschaftlichen Hintergründe sind aber relativ zweitrangig, denn entscheidend ist ja die Botschaft dieser Geschichte. Im alten Babylon erzählte man die Sintflutgeschichte vielleicht den Kindern, um ihnen Respekt vor den Göttern einzuflößen. Denn die Götter hatten die Sintflut geschickt, weil die Menschen ihnen zu viel Lärm gemacht hatten. Und nur durch einen glücklichen Zufall hatte einer der Götter einen Menschen mit seiner Familie vorgewarnt und ihn so gerettet. Die Moral der babylonischen Geschichte war also: Lieber Mensch, pass gut auf, sei schön brav und mach nicht zu viel dummes Zeug, damit die Götter nicht eines Tages wieder eine Sintflut schicken.
Die Bibel erzählt die Geschichte sehr ähnlich, aber sie nimmt am Ende eine ganz andere Wendung. Denn in der Bibel wird diese Geschichte abgeschlossen mit einem Versprechen Gottes, einem Bund, dass er niemals wieder diese Erde mit einer Flut vernichten wird. Und Gott macht das auch nicht daran fest, ob der Mensch sich jetzt schön brav und ruhig verhält – nein: Er sagt sogar: Das Problem kriegen wir gar nicht weg. Den Menschen kann man nicht gut machen durch eine Flut. Denn sein Herz ist das Problem. Wenn er alle bösen Menschen von dieser Erde beseitigen wollte, dann müsste Gott alle paar Jahre eine neue Sintflut schicken. Das ist keine gute Idee, und so ist Gott auch nicht.
Übrigens: Wer sich die historischen Zusammenhänge und die Botschaft der Sintfluterzählung mal genauer anhören möchte, dem sei wärmstens der Worthausvortrag von Thorsten Dietz dazu ans Herz gelegt. (Worthaus 8.5.1 – „Die Schöpfung“)
Nach der Sintfluterzählung ist also folgendes klar:
1. Eine der größten Ursachen aller Probleme ist das menschliche Herz, also sein Charakter, und
2. Gott gibt uns dennoch eine Chance und hat seinen Bund geschlossen mit allen Lebewesen auf diesem Planeten.
Diese großartige Zusage Gottes ist etwas, was uns erstmal zutiefst beglücken kann: Gott ist nicht daran interessiert, dass die Menschheit kaputt geht. Er verbürgt sich dafür, niemals wieder durch eine derartige Katastrophe das Überleben der ganzen Menschheit zu gefährden. Kurz: Gott ist und bleibt für uns – trotz unserer Fehler und Unzulänglichkeiten. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die uns als Christen vor Augen stehen muss. Auch in Situationen, wo diese Erde sich in einem instabilen und gefährlichen Zustand befindet. Es ist nicht Gottes Absicht, seine Schöpfung noch einmal zur Disposition zu stellen. Er hat diese Erde und uns geschaffen mit dem Prädikat: „Sehr gut“. Und dieses Prädikat kann man auch durch Sünde und Schuld nicht ungültig machen. Man kann es korrumpieren. Man kann es überdecken und ignorieren. Aber es bleibt die große Überschrift über unserem Leben.
Hier muss sich auch die christliche Theologie etwas an die eigene Nase fassen. Denn oft haben wir diesen einen Satz aus der Sintflutgeschichte genommen und ihm ein entsetzlich großes Gewicht gegeben: Das menschliche Herz ist böse von Jugend auf. Ja, auch das muss man hören. Der Blick in die Welt bestätigt, dass wir Menschen zu schrecklichen Dingen in der Lage sind, und das oft aus reiner egoistischer Bosheit. Aber es ist nicht alles. Wir sind auch Gottes gute Schöpfung. Und das sind wir zuerst. Wir sind nicht zuerst und nur böse, sondern zuerst gut. Diese Grundaussage der Bibel dürfen wir niemals aufgeben. Denn auch Gott hat uns nicht aufgegeben. Trotz aller Probleme.

An dieser Stelle kommen wir nun langsam zu der Frage: Wie steht es nun mit Gottes Ordnungen, seinen Geboten und Gesetzen, die wir ja auch zuhauf in der Bibel finden? Interessanterweise tauchen diese Ordnungen erst nach und nach auf. Im ganzen ersten Buch Mose gibt es noch keine zehn Gebote, kein Gesetz in dem Sinne. Man hat zwar schon das Gefühl, dass die Menschen sich an gewisse Regeln halten, aber es wird nicht unbedingt an die große Glocke gehängt.
Jetzt könnte man auf die Idee kommen und sagen: Ha! Gott hat ja versprochen, dass diese Erde nicht mehr vernichtet wird, und dass nicht aufhören soll Saat und Ernte, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Und wie ist das mit globaler Erwärmung? Ja aber da steht doch: Auch Frost und Hitze sollen nicht aufhören. Also was ist das jetzt? Können wir uns jetzt entspannt zurücklehnen, weil keine Angst: Gott hält schon alles am Laufen? Kurz gesagt: Wir können machen was wir wollen, Gott hält die Erde schon im Gleichgewicht?
Ich denke, wer diese Stelle so liest, macht es sich etwas sehr einfach.
Nein, wenn wir die Sintflutgeschichte von ihrem Ende her anschauen, dann lesen wir davon, dass hier die grundlegenden Ordnungen des Lebens angesprochen sind. Diese Ordnungen, dieser Rhythmus von Mensch und Natur erinnern uns daran, wie sehr wir letztlich mit allem verbunden sind, was uns umgibt. Auch das wunderbare optische Phänomen des Regenbogens wird hier als ein Bundeszeichen gedeutet. Nochmal: Ein physikalisches, natürliches Phänomen bekommt in dieser Geschichte eine tiefe religiöse Bedeutung. Der Regenbogen wird zum Symbol. Er wird zu einem Anknüpfungspunkt für die Beziehung zwischen Gott und Mensch und Natur. Das ist einzigartig in der Bibel. Nirgendwo wird das nochmal so erwähnt: Ein Bund zwischen Gott, seiner ganzen Schöpfung und allen Menschen. Nicht nur mit ein paar Menschen, sondern mit allen Menschen und der ganzen Schöpfung.
Was ist das für ein geheimnisvoller, mächtiger Bund, der absolut einzigartig und grundlegend schon hier fast am Anfang der Bibel steht? Und wo ist sinnbildlich gesprochen das Ende des Regenbogens, an dem wir heute stehen?

Werfen wir mal einen sehr nüchternen Blick auf den derzeitigen Stand der Menschheit: Momentan leben mehr als 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten, und zu viele davon leben alles andere als nachhaltig. Die Menschheit konzentriert sich auf eine zerstörerische Weise auf sich selbst. Hier ist etwas fundamental aus dem Gleichgewicht geraten. So langsam merken es auch die letzten, dass es nicht mehr lange so weiter gehen kann. Wir stehen nicht vor dem Problem, dass Gott möglicherweise unzufrieden ist und uns alle mit einer zweiten Sintflut wegspült. Nein, wir stehen vor dem Problem, dass wir Gottes Ordnungen und seinen Bund mit dieser Erde und allen Menschen ignoriert haben. Wir haben dieses ineinander verschachtelte Netzwerk von Beziehungen ignoriert und haben uns stattdessen nur auf uns selbst konzentriert.
Globale Erwärmung ist nicht das eigentliche Problem. Es ist nur ein Symptom des eigentlichen Problems. Und das eigentliche Problem ist, dass wir nicht mehr in der Abhängigkeit von Gott leben als Teil seiner Schöpfung, sondern dass wir meinen, wir selbst wären die Herren des Lebens und könnten diese Erde beliebig gebrauchen. Das funktioniert nicht.
Die Frage ist: Was können wir tun? Was sollen wir tun? Und die Antwort ist: Das weißt du schon. Es ist dir bereits gesagt, Mensch: Mi 6,8
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“
Dieser Satz bringt es auf den Punkt. Und wer sich mal die Mühe macht und den Propheten Micha liest, aus dem dieser Satz stammt, der entdeckt dort unheimlich viele Dinge, die wir in unseren heutigen Gesellschaften auch kennen: Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Unterdrückung der Armen durch die Reichen. Bosheit und Willkür durch die Mächtigen. Und die Gier nach immer mehr.
Wir Menschen haben es wieder und wieder geschafft, die Ordnungen Gottes zu ignorieren und die lebendige Beziehung zu Gott, zu anderen Menschen und zur ganzen Schöpfung kaputt zu machen.

Könnte es sein, dass es keine neue Sintflut gibt, sondern dass unser eigenes Verhalten unsere Existenz bedrohen könnte? Wie war das eigentlich, bevor wir derartig egoistisch geworden sind? Die Bibel beschreibt diesen Bruch ja als die Vertreibung aus dem Paradies. Dieser Bruch wird von Gott kommentiert, und ich sage es mal in meinen eigenen Worten: Lieber Mensch: An dem Tag, wo du dich selbst zum Maß aller Dinge machst, da schaufelst du dir dein eigenes Grab. An dem Tag, wo du nicht mehr in der Abhängigkeit lebst, sondern dich selbst zum Mittelpunkt deines Universums machst, da bist du bereits tot. Wenn du das tust, lebst Du in einem Zustand, der dich zerstört.
Und jetzt wird es spannend: Die Bibel erzählt diese Urgeschichte, diese Grundlagenstory mit einem Spannungsbogen bis hin zum Ende der Sintflut. In der Bibelwissenschaft gehören diese Kapitel 1-9 in der Bibel zu einem einzigen großen Spannungsbogen. Und dieser Spannungsbogen endet nicht in der Zerstörung der Menschheit, sondern er endet in einem Bund Gottes mit der ganzen Schöpfung.

Was können wir daraus heute mitnehmen:
1. Wir müssen begreifen, dass die Geschichte von Adam und Eva und Noah und der Sintflut unsere eigene Geschichte ist. Das sind wir. Wir haben die Abhängigkeit von Gott ignoriert. Wir haben seine Schöpfung als unser Eigentum betrachtet statt als unseren Lebensraum. Wir haben diese Erde nicht mehr als Gottes Schöpfung geachtet, sondern haben sie zu einer Ressource degradiert, die wir in unserer Gier besitzen und ausbeuten können. Und wir sind dabei, als Menschheit kollektiv gegen die Wand zu fahren.
2. Gott will nicht unsere Vernichtung. Im Gegenteil: Er will ja, dass wir gerettet werden, und dass wir mit ihm versöhnt werden und wieder in einer heilsamen Ordnung innerhalb der Schöpfung leben. Aber er kennt unser Herz. Er weiß, dass das Problem nicht einfach beseitigt werden kann. Und darum dreht die gesamte Bibel sich um die Frage: Wie kann man das Herz des Menschen wieder zu Gott wenden? Ihren Höhepunkt hat diese Geschichte natürlich in Jesus Christus. In ihm sind wir neue Schöpfung, haben ein neues Herz, einen neuen Geist. Er ist die Hoffnung auf eine versöhnte Menschheit, und das heißt auch: Die Hoffnung auf eine erneuerte Erde.
3. Wenn wir mit Gott versöhnt sind, ist der logische Schritt, dass wir uns auch mit der ganzen Schöpfung aussöhnen. Schon Paulus hat diesen Gedanken im Römerbrief Kapitel 8 formuliert und gesagt: Die ganze Schöpfung seufzt und liegt wie in Geburtswehen, bis der Mensch endlich als freies Kind Gottes offenbar wird. Das wird konkret darin, dass wir in Gottes guten Ordnungen leben. Liebe üben, demütig sein vor Gott. Nicht hochmütig, egoistisch und ausbeuterisch, sondern demütig und in einer tiefen Beziehung zu unserem Schöpfer und der Schöpfung, in der wir leben und zu der wir gehören.

Was können wir tun? Ich kann mir vorstellen, dass manche am liebsten eine Arche bauen würden. Alle Lieben an Bord, Tür zu und warten, bis alles vorbei ist. Aber vielleicht ist das heute genau der falsche Weg. Gott wiederholt die Sintflut nicht. Sondern er möchte, dass wir Herzensarbeit machen. Unser Herz von ihm verändern lassen und andere dazu einladen, sich uns dabei anzuschließen. Dieses veränderte Herz, darum können wir Gott bitten. Und er wird es uns schenken. Wenn wir wirklich wollen, dass er unser Leben verändert. Das ist die Botschaft von Jesus Christus: Wer an ihn glaubt, wer ihm vertraut, der erfährt eine Verwandlung, ein neues Herz, ein neues Leben.
Das macht mir Hoffnung für unsere Welt. Diesem Jesus will ich vertrauen.