Ein Leib – viele Glieder

Predigt zum Ökumenischen Gebetstag 2019

Predigttext: Römer 12,1-13

Liebe Schwestern und Brüder,
In der Lesung haben wir gerade ein Statement des Apostels Paulus gehört, das er vor 2000 Jahren abgegeben hat. Ich bin fasziniert davon, wie zeitlos aktuell diese Worte sind. Heute wagen wir ja wieder einmal ganz bewusst den Blick über den Tellerrand und lassen uns darauf ein, mit Christen aus unterschiedlichen Gemeinden einen gemeinsamen Tag des Gebets zu gestalten. Das war schon im vergangenen Jahr eine äußerst positive Erfahrung, und ich bin sicher, dass sie das auch heute sein wird.
Was hätte Paulus uns wohl zu sagen? Damals musste er jedenfalls ein sehr kniffliges Problem lösen, das in der ganzen Gesellschaft der griechisch-römischen Welt allgegenwärtig war. Zumindest für die Menschen, die mit dem jüdischen Glauben zu tun hatten oder die als Juden oder Nichtjuden gerade ganz frisch zum Glauben an Jesus Christus gefunden hatten.
Zum einen hatten diese Leute schon untereinander einige Spannungen. Die religiösen und kulturellen Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden waren eklatant. Auf einmal trafen diese beiden Gruppen in den christlichen Gemeinden aufeinander und mussten lernen, miteinander zurecht zu kommen. Auch in Rom. Und so lässt sich Paulus im Römerbrief sage und schreibe 11 Kapitel Zeit, um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Christen jüdischer und nichtjüdischer Herkunft minutiös herauszuarbeiten und ihnen ihre gemeinsame Grundlage in aller Deutlichkeit vor Augen zu malen: Nicht mehr das Gesetz der jüdischen Bibel sollte der Weg zu Gott sein, sondern allein der Glaube an Gottes Gnade und die Vergebung der Sünden durch Jesus Christus.
Ob diese Fragen uns heute noch 11 Kapitel wert wären, weiß ich nicht. Vermutlich nicht, obwohl gerade sie die Grundlage des christlichen Glaubens behandeln.
Zum anderen hatten diese Leute ziemlich Stress mit ihrer Regierung. Das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem wahren Herrn und Erlöser stand im krassen Gegensatz zu den Ansprüchen des römischen Kaisers. So war es kein Wunder, dass die Christen als subversive staatsgefährdende Macht angesehen wurden. Wenn Paulus hier schreibt: Seid standhaft in aller Bedrängnis, dann sind damit keine steigenden Mieten oder Dieselfahrverbote gemeint, sondern handfeste Verfolgung mit der Aussicht auf einen frühen und aufregenden Tod in der Arena.
Sicher haben wir hier nicht so extreme Herausforderungen wie die ersten Christen zu bewältigen. Trotzdem spüren wir an vielen Punkten die Spannungen, die unsere Gesellschaft durchziehen, und die keineswegs leicht aus der Welt zu schaffen sind. Zu groß scheinen die Differenzen, zu unterschiedlich die politischen Ziele. Jeder fühlt sich selbst im Recht. Die Bereitschaft, auch andere neben sich stehen zu lassen, ist geringer geworden. Erst diese Woche haben wir die Verwirrung und Ratlosigkeit und die Wut gespürt, die der Brexit-Prozess mit sich bringt. Ich nenne das nur exemplarisch als eines von vielen Beispielen.
Die Frage nach einer gemeinsamen Grundlage ist heute wieder sehr wichtig geworden. Sie drängt sich uns geradezu auf, und ich halte es für extrem wichtig, dass wir als Christen die Frage nach unserer gemeinsamen Grundlage mit einer Stimme beantworten können.
Und so beginnt Paulus nun das zwölfte Kapitel des Römerbriefs mit dieser gemeinsamen Grundlage. Diese Grundlage muss allen unseren eigenen Anstrengungen vorausgehen. Wenn wir diese Grundlage weglassen, wäre unser Text nur eine weitere gut gemeinte Version von „jetzt reißt euch mal bitte zusammen und strengt euch an“. Nein, von diesen Ratschlägen gibt es wahrlich genug. Was unseren Text so einzigartig macht, ist sein Ausgangspunkt.
Und dieser Ausgangspunkt ist Gottes Barmherzigkeit. Sein unwiderstehliches Engagement für uns, in tiefstem Wohlwollen, voller Gnade, voller Liebe, aber eben alles andere als passiv. Es ist eine tatkräftige Barmherzigkeit, die sich aktiv einsetzt zur Versöhnung, um Einheit herzustellen, Trennung und Schuld zu überwinden.
Und alles, wozu Paulus uns dann auffordert, steht unter diesem Vorzeichen.
Das ist so entscheidend – gerade weil Paulus in den nächsten Sätzen unheimlich viele und geradezu extreme Forderungen aufzählt. Schon die erste Aufforderung muss uns ja regelrecht vor den Kopf stoßen, ist sie doch nichts anderes als die Forderung nach einer vollständigen Hingabe unseres Lebens an Gott.
Ich darf vorsichtig die Frage stellen, wer dieser Aufforderung heute noch wirklich nachkommt. Absolute Lebenshingabe, wie ein lebendiges Opfer, das man darbringt. So etwas kennen wir heute doch fast nur noch von Facebook, Amazon und vielleicht dem Fußballverein. Aber im religiösen Umfeld haben wir da wenig Humor. Da steht so etwas unter dem Generalverdacht des Extremismus, und darauf sind wir heute zu Recht allergisch geworden.
Zu Recht lehnen wir eine Forderung nach totaler Hingabe ab, wenn wir instinktiv spüren, dass diese Hingabe die falsche Grundlage hat. Da geht es eben nicht um Barmherzigkeit und Gnade, sondern es ist eine ungnädige und unbarmherzige Forderung nach totaler Unterwerfung. Genau das meint Paulus hier also nicht.
Nein, seine Forderung ist keine Drohung, sondern wie eine liebevolle Aufforderung zum Tanz des Lebens.
Der Franziskanerpater Richard Rohr hat das einmal mit einem Fluss verglichen, der ein Mühlrad antreibt. Gott ist der Fluss, und wir sind das Mühlrad. Wir können den Fluss nicht anschieben, indem wir versuchen, uns zu drehen, sondern der Fluss fließt voller Liebe und Kraft, und er ist es, der uns antreibt. Wir drehen uns im Tanz der Liebe Gottes. Wenn wir uns an diesen Tanz hingeben, tauchen wir ein in den tiefsten Sinn unseres Lebens. In diesem Sinn ist Hingabe etwas so gänzlich anderes.
Übrigens: Das etwas sperrige Wort „Opfer“, das hier im Text steht, kann uns vielmehr eine Frage stellen. Denn ein Opfer, das kann man darbringen, aber man kann es auch vorenthalten. Das ist die Frage, ob wir diesem lebendigen Liebestanz von Gottes Geist etwas vorenthalten wollen, ob wir uns nicht gerade um das Schönste bringen, wenn wir uns dieser Hingabe verschließen.

Sich Gottes Liebe so ganz hinzugeben, das ist für Paulus der Schlüssel zu einer umfassenden positiven Veränderung. Es geht dabei nicht um die Zustimmung zu irgendwelchen christlichen Lehren, sondern um eine Transformation zum Guten, die unser Denken und Fühlen und Handeln umfasst. Wie die Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling. Die Metamorphose, die aber nur stattfindet, wenn die Raupe ihr altes Leben hingibt, um eine neue Schöpfung zu werden.

So großartig sich das anhört, so sachlich und nüchtern bleibt Paulus in dem, was er auf dieser Grundlage für praktische Ratschläge erteilt. Kein einzelner Christ und auch keine einzelne Gemeinde soll meinen, für sich allein an der Spitze der frommen Entwicklung zu stehen. Nein, sagt Paulus: Bleibt auf dem Teppich! Haltet Maß, denn keiner von uns ist für sich alleine fähig, Christus umfassend zu verkörpern. Der Leib Christi, das ist weder ein einzelner Mensch noch eine einzelne Gemeinde noch eine einzelne Denomination, sondern das ist die eine weltweite, umfassende Kirche.

Wir sind jedenfalls Glieder an diesem Leib, und nur wenn wir lernen, unseren Platz in einer gewissen Demut wahrzunehmen, können wir den ganzen Leib wertschätzen und ihm dienen.
Paulus zählt hier viele praktische Möglichkeiten auf, wie Gott unsere individuellen Gaben und Fähigkeiten zu seiner Ehre nutzen kann. Er spricht von Prophetie, das ist die Fähigkeit, Gottes Willen für eine konkrete Situation zu erkennen. Er spricht aber auch von der Fähigkeit, ganz praktische Arbeiten zu verrichten. Er spricht von der Begabung, andere zu lehren oder ihnen Trost und Mut zuzusprechen. Er spricht von der Gabe zu geben, bereitwillig zu teilen. Und er nennt auch Gemeindeleitung und Diakonie. Aber wir merken schon: Diese Liste ist nicht vollständig. Es sind nur Beispiele, und letztlich geht es darum, dass jeder einzelne Christ sich als ein einzigartiges und unersetzliches Körperteil an diesem Leib Christi sieht.
Wer lernt, sich selbst so zu sehen, bekommt auch Weitblick für die Gaben und Fähigkeiten anderer Christen.
In der Ökumene ist es eine der großen Versuchungen, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Kirchen zu verwischen. Das macht Paulus nicht. Im Gegenteil: Er hebt die Unterschiede sogar noch hervor. Aber für ihn sind diese Unterschiede gerade nicht trennend, sondern verbindend. Denn er sieht diese Unterschiede als unverzichtbare Ergänzung.
Das ist auch das große Anliegen unseres heutigen Gebetstages: Uns gegenseitig in unserer Unterschiedlichkeit wahrzunehmen und darin zu erkennen, wie ergänzungsbedürftig wir selbst sind; – und uns gemeinsam als einen großen Organismus zu sehen, der lebendig pulsiert und atmet und wirkt.
Es ist wahrlich nicht immer ganz einfach, Menschen zu lieben, die so ganz anders ticken. Diese Liebe erfordert Engagement. Sie erfordert den Willen zur Hingabe. Und nochmal: Hingabe nicht als Forderung, sondern als ein Eintauchen in den unaufhaltsamen Strom der Liebe Gottes. Diese Liebe ist zu wichtig, um sie nur zu simulieren. Sie darf nicht nur oberflächlich behauptet werden, sondern sie muss sich sozusagen in einem verwegenen Kopfsprung ins Wasser als echt erweisen.
Für mich ist das immer wieder ein Gebetsanliegen, dass wir als Christen uns gegenseitig nicht als Konkurrenten sehen, sondern dass wir unsere Unterschiede feiern und Gott dafür danken. Denn diese Unterschiede sind ein Geschenk, das wir uns gegenseitig machen können, wie Paulus hier sagt: In Ehrerbietung und Gastfreundschaft.
Ich möchte schließen mit dem Satz, der von Martin Luther folgendermaßen übersetzt wurde: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet“. Lasst uns diese drei markanten Aussagen als Eckpfeiler für unseren heutigen Gebetstag festhalten:
Lasst uns gemeinsam fröhlich feiern, weil wir diese verwegene Hoffnung teilen.
Lasst uns dranbleiben und gemeinsam aushalten, was uns bedrückt.
Und lasst uns alle diese Dinge vor Gott bringen, eintauchen in seine Liebe und ihm danken dafür, dass er uns zu einem Leib verbunden hat.
Amen.

(Gemeindepastor Matthias Störmer, Landeskirchliche Gemeinschaft „Schlossplatz IX“, Schwetzingen)