Über den Jordan gegangen?

Josua 3: Durchzug durch den Jordan
Sind Sie schon über den Jordan gegangen? Na, hoffentlich nicht! Oder: Offensichtlich nicht. Sonst würden Sie ja wohl kaum noch hier sitzen. Vielleicht sind aber Ihre guten Vorsätze schon über den Jordan gegangen, wer weiß? „Über den Jordan gehen“, das ist eine Redewendung, die sich in unserer Sprache eingenistet hat. Es ist ein Bild für das Sterben. Aber woher kommt diese Redewendung eigentlich?


Wir werden heute mal den Ursprung dieser Redewendung erforschen, denn sie stammt aus der Bibel. Und wir werden merken, dass diese Sache mit dem Sterben erstmal sehr wenig zu tun hat.
Über den Jordan gehen – dieses Bild stammt aus einem Abschnitt der Bibel, der vielen heute ziemlich unangenehm ist. Das Buch Josua beschreibt, wie das Volk Israel von Südosten her in das Land Kanaan einmarschiert, mehrere Städte dem Erdboden gleichmacht und dabei die früheren Bewohner des Landes teilweise regelrecht ausrottet. Diese Geschichten tragen in sich ein ziemlich gruseliges Bild von Gott, das wir heute aus christlicher Sicht nur sehr begrenzt nachvollziehen können.
Viele machen darum einen großen Bogen um dieses Buch Josua. Aber obwohl uns manches darin barbarisch und unverständlich erscheint, enthält es auch einige Stellen, die wie kostbare Diamanten in vielen Facetten funkeln.
Jeder von uns geht in seinem Leben durch bestimmte Grunderfahrungen. Diese großen Themen verbinden uns über die Jahrtausende und über Kulturgrenzen hinweg.
Dazu gehören unter anderem die Erfahrungen von Angst und Mut, von Lebenseinschnitten und Veränderungen, von Kompromiss und Entscheidung und Verantwortung. Das sind die großen Themen im Buch Josua. Angst und Mut, Lebenseinschnitte und Veränderungen, Kompromiss, Entscheidung und Verantwortung. Und in allen diesen Themen steht natürlich immer das Vertrauen auf Gott im Vordergrund.
Kleine Kostprobe gefällig? Ein berühmter Vers aus Josua, gleich am Anfang, heißt: „Sei stark und mutig! Erschrick nicht und fürchte dich nicht! Denn mit dir ist der HERR, dein Gott, wo immer du gehst.“
Ich glaube, diese Themen passen sehr gut gerade an den Anfang eines Jahres. Ein Jahresanfang hat immer ein wenig den Geschmack eines Einschnitts im Leben. Man zieht Bilanz, schaut zurück und schaut nach vorne, fasst neue Vorsätze und geht neue Schritte.
Hören wir also mal auf den heutigen Predigttext aus Josua 3 und 4:
Jos 3,14
  Nun brach das Volk auf, um den Jordan zu überschreiten. An der Spitze des Zuges gingen die Priester mit der Bundeslade. 15 Es war gerade Frühjahr; um diese Zeit führt der Jordan so viel Wasser, dass er über die Ufer tritt.
In dem Augenblick, als die Priester den Fuß ins Wasser setzten, 16 staute sich der Fluss weit oben bei dem Ort Adam in der Nähe von Zaretan und das Wasser unterhalb der Stauung lief zum Toten Meer ab. So konnte das ganze Volk trockenen Fußes bei Jericho durch den Jordan gehen.
Jos 3,17
  Die Priester aber blieben mit der Bundeslade im Flussbett stehen, bis alle sicher auf der anderen Seite angekommen waren.
Jos 4,1
  Als das ganze Volk durch den Jordan gegangen war, sagte der Herr zu Josua: 2 »Wählt zwölf Männer aus, von jedem Stamm einen, 3 und lasst sie zwölf Steine aus dem Jordan holen, von der Stelle, wo die Priester* stehen. Sie sollen die Steine mitnehmen und dort niederlegen, wo ihr das Nachtlager aufschlagt.«
Jos 4,4
  Josua wählte zwölf Männer aus, für jeden Stamm Israels einen. 5 Er sagte zu ihnen: »Geht zur Bundeslade* des Herrn, eures Gottes, in den Jordan und hebt jeder einen großen Stein auf. Nehmt ihn auf die Schulter — so viele Steine, wie es Stämme im Volk Israel gibt. 6 [-7] Wenn später eure Kinder fragen, was diese Steine bedeuten, dann erzählt ihnen, wie das Wasser des Jordans versiegte, als die Bundeslade den Fluss durchquerte. Diese Steine sollen die Israeliten für alle Zukunft daran erinnern.«

Dieser Schritt markierte einen großen Einschnitt in der Geschichte des Volkes Israel: Die Flucht aus Ägypten und die Zeit in der Wüste hatten ein Ende. Nun endlich sollten sie in das Land Kanaan kommen, das Gott ihnen versprochen hatte.
Ist es nicht interessant, dass die Flucht aus Ägypten und der Durchzug durch das Schilfmeer schon so oft verfilmt worden sind? Haben Sie schon einmal einen Film gesehen, der den Durchzug durch den Jordan zeigt? Dabei wäre die Befreiung aus Ägypten ein ziemlicher Fehlschlag gewesen, wenn das Volk Israel niemals in Israel angekommen wäre, oder? Stellen Sie sich mal vor, sie wären ewig in der Wüste geblieben. Wie absurd! Nein – die Flucht aus Ägypten hatte ihr Ende nicht in der Wüste, nicht am Berg Sinai mit den zehn Geboten und all diesen Dingen, sondern die Flucht zielte von Anfang an auf diesen Punkt: Den Einzug in ein eigenes Land.
Der Jordan markiert die entscheidende Grenze zwischen der Wüstenwanderung und dem gelobten Land. In dem Moment, wo Israel dort ankommt, beginnt in ihrem Leben ein neuer Abschnitt. Sie lassen das Alte endgültig hinter sich und müssen sich ab da auf ein ganz anderes Leben einstellen.
Vielleicht gelingt es uns, an dieser elementaren Erfahrung anzudocken: Welche Grenzen haben wir schon überschritten? Oder welche Grenze müssen wir vielleicht gerade überschreiten?

Ich nenne mal so ein paar Sachen, die so eine Grenze sein können: Es fängt schon an im Kindesalter. Der Schuleintritt oder der Schulabschluss. Der Beginn einer Berufsausbildung oder der Einstieg in den Beruf, aber auch der Verlust einer Arbeitsstelle. Dann natürlich die Partnerschaft und Hochzeit, Schwangerschaft und Familienzuwachs, aber auch Trennung oder Verlust. Krankheit oder Genesung von schwerer Krankheit.
Doch auch abgesehen von diesen deutlichen Einschnitten können wir an so eine Grenze kommen. Es kann einfach das innere Gefühl da sein, dass sich im Leben etwas verändert hat oder gerade dabei ist, sich zu verändern.
Als Christ würde ich das auch von Gott her denken: Wenn du spürst, dass Gott dabei ist, mit dir einen nächsten Schritt zu gehen. Vielleicht die Berufung zu einer wichtigen Aufgabe?
Aber ganz gleich, vor welchen Grenzen wir stehen: Diese Momente haben fast immer einen ganz speziellen Effekt auf uns. Solche Übergänge erzeugen in uns eine seltsame Mixtur an verschiedenen Gefühlen.
Geradezu berühmt geworden ist der Satz aus den Star-Wars-Filmen, immer dann, wenn die Story an einen entscheidenden Wendepunkt kommt, sagt irgendeine der Akteure: „Ich habe da ein ganz mieses Gefühl“.
Ich weiß nicht, ob Sie im Schwimmbad schon mal vom 5-Meter-Turm gesprungen sind. Eigentlich will man das ja. Alle anderen sind auch schon gesprungen, und man will ja nicht als Feigling da stehen. Und offensichtlich macht es auch einen Riesenspaß. Aber wenn du da oben auf dem Turm stehst und runterschaust, dann passiert es: Auf einmal bekommst du Angst vor der eigenen Courage. Beobachten Sie das mal im Schwimmbad, wie Kinder zum ersten Mal vom Turm springen. Manche gehen bis an den Rand, schauen hinunter und weichen entsetzt zurück oder erstarren regelrecht.
Ich habe da ein ganz mieses Gefühl, das bringt es auf den Punkt. Obwohl es etwas Großartiges sein kann.
Der Jahresanfang ist ein idealer Zeitpunkt, um sich dieser Übergangserfahrung bewusst zu werden. Jetzt mal ganz unabhängig davon, ob in unserem Leben gerade so ein Übergang stattfindet: Es ist eine gute Angewohnheit, regelmäßig diesen Rundumblick zu machen und sich neu zu orientieren: Wo komme ich gerade her? Israel kam aus der Wüste. Ich könnte mich fragen: Welche „Wüste“ habe ich gerade durchquert? Welche Erfahrungen habe ich dort gemacht? Was war gut und wichtig und was war schwierig? Was waren die Höhen und Tiefen? Wie bin ich hierher gekommen, wo ich gerade stehe? Wie habe ich Gott darin erlebt und was habe ich über ihn gelernt?
Und dann nach vorne schauen: Was will ich ganz bewusst hinter mir lassen? Welche neue Aufgabe liegt jetzt vor mir? Welchen Schritt muss ich jetzt gehen?

Jetzt nimmt unsere Geschichte aus dem Buch Josua eine erstaunliche Wendung. Als das Volk durch den Jordan zieht, geschieht ein Wunder: Weiter flussaufwärts staut sich der Fluss, und das Flussbett liegt trocken vor ihnen. Diese sonderbare Begebenheit wird in der Geschichte detailliert erzählt: In dem Moment, als die Füße der Priester, welche die Bundeslade trugen, in den Fluss treten, versiegt das Wasser.
Diese Erfahrung bedeutet sehr viel. Es ist nicht nur eines von vielen seltsamen Wundern, die das Volk auf der Wüstenwanderung erlebt hat, sondern es ist auch wie eine Wiederholung vom Durchzug durch das Schilfmeer. Die Flucht beginnt mit dem Weg durch das Wasser, und sie endet mit dem Weg durch das Wasser. Und jedesmal ist es Gott, der diesen Weg eröffnet.
Zum Anderen bestätigt Gott damit den neuen Anführer des Volkes. Nach dem Tod von Mose wird sein Nachfolger Josua von Gott durch dieses Wunder bestätigt. Josua tut genau das Gleiche wie Mose: Er führt das Volk durch das Wasser.
Zum Dritten wird dieses Erlebnis im kollektiven Gedächtnis des Volkes Israel verankert. Josua lässt aus der Flussmitte zwölf Steine aufheben, für jeden Stamm einen, die dann als Gedenksteine aufgerichtet werden. Darauf komme ich gleich nochmal zurück.
Der entscheidende Punkt ist aber, dass das Volk Israel diesen Schritt nicht eigenständig geht, sondern dass es sozusagen durch diesen Übergang hindurch geführt wird. Das Volk tut nichts, sondern es wird etwas an ihm getan.

Das ist der wesentliche Punkt, den ich jetzt nochmal genauer betrachten will: Gott eröffnet uns einen neuen Weg. Nicht wir schaffen den Übergang, sondern Gott schafft für uns einen Übergang.
Ich habe vorhin schon von verschiedenen Übergangserfahrungen gesprochen. Schule, Familie, Arbeit, Gesundheit, aber eben auch der Glaube. Übrigens: Das wichtigste Übergangsritual des Glaubens ist die Taufe. Und die Taufe hat ja auch mit Wasser zu tun. Das ist kein Zufall. Später in der Bibel werden diese Wege durch das Wasser auch durchaus mit der Taufe verglichen.
Der heutige Sonntag hat mit seinem Thema einen deutlichen Bezug zur Taufe und zum Wirken von Gottes Geist in unserem Leben. Und tatsächlich ist das ein ziemlich wichtiger Aspekt der Taufe, dass sie an uns vollzogen wird. In der Taufe wirkt Gott etwas an uns, das wir uns nicht eigenmächtig nehmen können. Nicht wir „machen“ etwas, sonder es geschieht etwas mit uns.
Die Taufe ist dabei ein Zeichen für den Beginn eines neuen Lebens mit Gott. Ebenso war dieser Durchzug durch den Jordan für das Volk Israels der Beginn eines komplett neuen Lebens in ihrem neuen Heimatland.
Das gehört zu den Besonderheiten des christlichen Glaubens, dass man ihn sich nicht einfach aussuchen kann. Wir können uns nicht eigenmächtig dafür entscheiden, dass Gott uns liebt. Sondern wenn ein Mensch in diese enge Gottesbeziehung hineinkommt, dann ist das wie eine geistliche Geburt. Man wird nicht Christ, indem man in die Kirche eintritt, sondern man wird Christ, indem man in die Familie Gottes sozusagen hineingeboren wird. Das ist ein Wunder, und das soll die Taufe auch ausdrücken.
Gott öffnet diesen Übergang. Er macht den Weg frei. An dieser Stelle entsteht ein sehr schönes Bild, das uns noch einen Schritt weiter führt. Die Priester mit der Bundeslade treten sozusagen in den Fluss hinein. Und dort bleiben sie stehen, bis alle den Fluss überquert haben. Wie wenn man jemandem die Tür aufhält.
Für mich ist das ein großartiges Bild für das, was uns Gott am Kreuz zeigt. Das Kreuz hat viele tiefe Bedeutung, und eine sehr wichtige Bedeutung ist es, dass Gott die Trennung zwischen Himmel und Erde aufhebt. In Jesus geht er mitten in diese Trennung hinein und nimmt ihr damit die Macht. Er geht in den Tod hinein, und dadurch verliert der Tod für uns diese trennende Macht, und wir können hindurchgehen ohne Angst.
Das Kreuz zeigt: Gott ist bei uns an unserem Tiefpunkt, im Sterben und im Tod. Seine Gegenwart an diesem Tiefpunkt verwandelt den Tod zu einem Übergang in ein neues Leben, bis in Ewigkeit. So wie die Gegenwart der Bundeslade damals den gefährlichen Fluss verwandelt hat in einen Weg in das verheißene Land.

Für mich ist das ein sehr wichtiges Bild. Es gibt mir Hoffnung und Mut, mich auf diese Einschnitte einzulassen, mich ihnen nicht zu verschließen. Nicht den Kopf in den Sand zu stecken.
Es gibt so viele Veränderungen, die uns im Leben echt richtig viele Sorgen machen können. Und ich sage nicht, dass sie leicht sind. Sicher nicht. Aber der Punkt ist: Gott wartet nicht auf der anderen Seite und winkt uns zu, sondern er geht mit uns da durch. Und er geht nicht nur mit uns da durch, sondern er sorgt auch dafür, dass wir da durchkommen.

Ich weiß nicht, wer von uns in diesem Jahr vor so einem schwierigen Übergang steht. Oder vor einem aufregenden Einschnitt im Leben. Aber wenn das der Fall ist, dann erinnern Sie sich an diese Geschichte.
Apropos Erinnerung: Damals gab es noch keine Handys, mit denen man mal eben ein Youtube-Video davon machen konnte.
Mit Büchern und aufschreiben war es auch noch nicht so einfach wie heute. Darum hat man es damals anders gelöst. Josua lässt aus der Flussmitte zwölf Steine herausschaffen und stellt sie im Lager als eine Art Denkmal auf.
Das war in dieser Zeit wohl die praktischste Art, Erinnerungen festzuhalten. Und obendrein äußerst haltbar.
Interessant ist aber auch die Erklärung, die Josua dazu abgibt: „Wenn später eure Kinder fragen, was diese Steine bedeuten, dann erzählt ihnen von dieser Geschichte“.
Offensichtlich wusste Josua schon, dass er es mit einem äußerst vergesslichen Völkchen zu tun hatte. Aber es gibt manche Dinge, die nicht in Vergessenheit geraten sollen. Und darum wollte er diese Erfahrung mit Gott sozusagen im kollektiven Gedächtnis des Volkes Israel verankern.
Das ist ein interessanter Punkt, der uns wahrscheinlich eher fremd ist. Denn wir denken heute ausgesprochen individuell. Bei uns steht der einzelne Mensch im Fokus. Und ist die persönliche Entwicklung jedes Menschen wichtig. Und das ist auch gut. Aber damals ging es nicht so sehr um den Einzelnen, sondern um die gemeinsame Entwicklung. Darum war es äußerst wichtig, diese Erfahrungen auch für die nachfolgenden Generationen greifbar und anschaulich zu machen. Vielleicht ist das etwas, was wir heute neu entdecken müssen. Auch etwas, was wir als Gemeinde neu entdecken müssen: Was sind die großen Veränderungen und Einschnitte, die wir gemeinsam erlebt haben? Wie können wir uns daran erinnern und wie können wir das festhalten auch für diejenigen, die nach uns kommen?
Warum ist das so wichtig? Weil keiner von uns einfach nur für sich glaubt, sondern Christsein ist ein gemeinsamer Glaube. Wir sind gemeinsam auf dem Weg, und wir gehören sozusagen zum gleichen Körper, zum Leib Christi.
Lasst uns mal darüber nachdenken, welche Steine wir im übertragenen Sinn aus diesem Jahr aufheben können. Welche Steine haben wir im vergangenen Jahr aufgehoben. Was bauen wir in diesem Jahr für ein Denkmal. Ein Denkmal für Gottes Gegenwart in unserem Leben. Ein Denkmal dafür, dass er mittendrin ist, gerade wenn es knifflig wird. Ein Denkmal, das auch anderen Mut macht, auf diesen Gott zu vertrauen.