Gemeinde – Spielfeld

In den vergangenen Monaten haben wir uns schon mit verschiedenen Sichtweisen auf die Gemeinde beschäftigt. Wir haben die Gemeinde angeschaut als Minenfeld, Übungsfeld und Sichtfeld. Und ich sprach vom Spielfeld, vom Umfeld und vom Kraftfeld.
Heute möchte ich über das „Spielfeld“ Gemeinde reden: Dazu vergleichen wir die Gemeinde mal mit einem Olympiastadion. Eine große Arena mit vielen Tribünen für Zuschauer und Besucher, mit viel Drumherum und einer großen Infrastruktur, aber vor allem natürlich das Zentrum: Die Spielfläche für Mannschaftsspiele oder die Rennbahn oder die Weitsprunganlage und so weiter.

1. Der Siegeskranz
Dieses Bild finden wir so ähnlich nämlich auch in der Bibel, und es passt heute immer noch: 1. Kor 9, 24-27:
Ihr wisst doch, wie es ist, wenn in einem Stadion ein Wettlauf stattfindet: Viele nehmen daran teil, aber nur einer bekommt den Siegespreis. Macht es wie der siegreiche Athlet: Lauft so, dass ihr den Preis bekommt! Jeder, der an einem Wettkampf teilnehmen will, unterwirft sich einer strengen Disziplin. Die Athleten tun es für einen Siegeskranz, der bald wieder verwelkt. Unser Siegeskranz hingegen ist unvergänglich.
Für mich gibt es daher nur eins: Ich laufe wie ein Läufer, der das Ziel nicht aus den Augen verliert, und kämpfe wie ein Boxer, dessen Schläge nicht ins Leere gehen. Ich führe einen harten Kampf gegen mich selbst, als wäre mein Körper ein Sklave, dem ich meinen Willen aufzwinge. Denn ich möchte nicht anderen predigen und dann als einer dastehen, der sich selbst nicht an das hält, was er sagt.

Dieses Beispiel wählt Paulus, um die Christen in der Gemeinde in Korinth zu motivieren. Dabei geht es ihm um weit mehr als nur um ein diszipliniertes Leben: Er tut das alles nicht, um sich selbst als besser darzustellen oder damit anzugeben. Sondern er möchte, dass sein Leben als Christ möglichst vielen anderen Menschen nützt. Das ist sehr wichtig. Auf den ersten Blick sieht es vielleicht so aus, als ob es ihm nur um sich selbst geht. Schließlich redet er ja von einem Siegeskranz, das ist sozusagen die antike Version einer Goldmedaille. Aber das ist jetzt keine Privatauszeichnung. In anderen Briefen verwendet Paulus nämlich auch diesen Begriff, und da wird auch klar, was er darunter versteht: Er sieht immer die anderen Menschen. Wenn er stolz ist auf seine Erfolge, dann sind es nicht seine privaten Erfolge, sondern die Menschen in den Gemeinden, denen er als Apostel dienen konnte, die er weiterbringen konnte. Denen er geholfen hat. Die er geistlich begleitet hat. So schreibt er an die Gemeinde in Thessaloniki: „Ihr seid meine Freude und mein Siegeskranz, der Lohn für alle meine Mühe!“ (1Thess 4,1)
Lasst uns diese Idee mal festhalten: Für uns als Christen ist es die höchste Auszeichnung, wenn wir so leben, dass andere Menschen durch uns gefördert und gesegnet werden. Wenn es anderen Menschen durch uns besser geht, wenn anderen durch uns geholfen wird, wenn andere durch uns näher zu Gott kommen, das ist unser Siegeskranz, unsere Goldmedaille.

2. Das Training
Wenn wir von diesem Gedanken ausgehen, geht es beim Spielfeld Gemeinde also um eine Konzentration darauf, wie ich mein Leben zum Wohl anderer einsetzen kann. Das heißt aber auch: Ich ehre nicht mich selbst — ich laufe nicht nur für mich, sondern als Repräsentant von Jesus Christus. Ganz ähnlich, wie ein Olympionike nicht nur für sich selbst gewinnt, sondern auch für sein Heimatland.
Nun gehört zu diesem Spielfeld noch weitaus mehr dazu. Darum ein zweiter Gedanke:
Zu jedem ernsthaften Spiel gehört das Training. Paulus hat das hier ja auch angedeutet mit seiner persönlichen Disziplin: Für ihn ist dieser Wettkampf kein beliebiges Unterfangen. Das ist nicht so nebenbei oder egal oder optional. Nein – er legt seine ganze Konzentration dort hinein, weil ihm das so extrem wichtig ist.
Ich habe schon in einer separaten Predigt zum Thema Gemeinde als Übungsfeld gesprochen. Da ging es auch um die persönliche Weiterentwicklung im Glauben, um unser Wachstum mit Jesus.
Wenn es um unsere Aufgabe für andere geht, kommt hier noch ein anderer Aspekt zum Tragen: Das ist das große Feld meiner geistlichen Gaben. Also meine persönlichen Fähigkeiten, die ich zum Wohl aller in meinem Leben mit Jesus einbringe. Das können ganz normale natürliche Begabungen sein, die ich der Gemeinde zur Verfügung stelle, gerda auch ehrenamtlich. Es können auch Gaben sein, die mir gerade aus meine Beziehung zu Gott heraus zugefallen sind.
Hier muss sich jede Christin und jeder Christ persönlich fragen: Was hat Gott in mein Leben hinein gelegt, womit ich etwas gestalten kann? Was ich einbringen kann. Zur Ehre Gottes, aus Liebe zu anderen oder auch, um meiner Berufung gerecht zu werden.
Geistesgaben beschränken sich nicht auf die Beispiele, die Paulus in seinen Briefen aufzählt. Dort stellt er nur die wichtigsten vor: Lehre, Leitung, Evangelisation, Weisheit und eine prophetische Weitsicht, Hirtendienst, Barmherzigkeit, Organisation und Diakonie und so weiter. Es gibt aber so viel mehr, was Christen einbringen können.
Die entscheidende Frage ist aber: Tun sie das auch?
Es ist nicht die Frage, ob ein Christ eine Begabung hat oder nicht. Die Frage ist vielmehr, ob er sie einbringt und sie weiter ausbaut. So, wie ein Sportler seine Fähigkeiten trainieren muss.
Vergleichen wir das mal mit dem Olympiastadion: Auf den Tribünen sitzen tausende, vielleicht zehntausende von Zuschauern. Die sind ohne Zweifel am Spiel interessiert, sonst wären sie ja nicht da. Sie sorgen auch für eine tolle Atmosphäre. Und sie werden sicher auch ganz begeistert nach Hause gehen, wenn sie einen tollen Wettkampf gesehen haben. Aber eines tun sie nicht: Sie spielen nicht wirklich mit.
In einem Olympiastadion ist das normal. Und auch in einem Gottesdienst gibt es immer Gäste und liebe Besucher.
Aber eine Gemeinde ist in erster Linie Spielfeld. Ja, sicher: Dabeisein ist alles. Aber wenn du nur auf der Tribüne sitzt, bist du noch nicht Sportlerin und Spieler. Dann bist du vielleicht treuer Fan oder Zuschauerin. Der Punkt ist aber, dass Christsein kein Fanclub von Jesus ist, sondern Nachfolge Jesu.
Nachfolge heißt: Mitspielen. Nachfolge heißt: Auf dem Platz stehen. In der Weitsprunganlage in den Sandkasten hüpfen. Beim Hochsprung auch mal die Latte reissen. Anstrengung und Schweiß und Training und Wettkampf. Gefoult werden. Vielleicht mal ausgebuht werden von den Leuten auf der Zuschauertribüne. Wieder aufstehen und weiter machen.
Aber nicht die Zuschauer bekommen die Goldmedaille, sondern die Leute auf dem Platz.

3. Dabei sein ist alles
Die Frage ist: Wie kommt man auf den Platz? Auf den ersten Blick scheint das vollkommen klar zu sein: Natürlich mitmachen – irgendwie sich einbringen, vielleicht sich als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter in einem Bereich der Gemeindearbeit verantwortlich beteiligen.
Wie gesagt: Auf den ersten Blick ist das einfach. Ich weiß aber von mir selbst, dass es so einfach eben nicht ist. In jeder Gemeinde ist die ehrenamtliche Mitarbeit total wichtig; das ist nun wirklich kein Geheimnis. Ich hatte das selbst schon als Jugendlicher kapiert und habe angefangen, mich im Jugendkreis und auch sonst einzubringen. Aber ich habe ziemlich schnell festgestellt, dass mein Kopf und mein Herz da nicht ganz im Einklang waren.
Vieles, was in der Gemeinde zu tun war, habe ich eigentlich nicht so gerne gemacht. Manchmal fragten Leute mich, ob ich mithelfen könnte, aber bei einigen Dingen hatte ich so was von keine Lust, dass ich mich darum gedrückt habe. Und auch bei den Sachen, die ich gerne machte, war ich manchmal etwas zögerlich. Ich wollte nicht so gerne Verantwortung übernehmen. Ich wollte lieber in der zweiten Reihe stehen, ab und zu ein bisschen mithelfen oder mal Klavier spielen und gut ist.
Ich bin sicher, dass viele von uns die christliche Welt auch schon so erlebt haben: Ständig wirst du gefragt, ob du hier oder da mitarbeiten könntest, aber auf manches hast du einfach keine Lust, oder du traust dich nicht, weil andere Leute das scheinbar besser können.
Ich möchte das mal aufteilen in zwei Entscheidungsprozesse, die wir irgendwie klarkriegen müssen.
Die erste Entscheidung ist wohl ehr grundsätzlicher Art. Es ist die Frage: Will ich überhaupt dabei sein und mich einbringen oder nicht? Für mich war das ein Moment, den man früher vielleicht als eine Bekehrung oder eine Lebensübergabe an Jesus bezeichnet hätte. Ein Gebet, in dem ich vor Gott ausgesprochen habe: Ja, ich will dabei sein. Ich will nicht nur so ein bisschen glauben und vielleicht von der Tribüne jubeln und ein paar Bälle zurückwerfen, die im Publikum landen, sondern ich will aufs Spielfeld. Ich will Jesus nachfolgen.
Ich glaube, dass die meisten von uns diese grundsätzliche Entscheidung schon mal irgendwann getroffen haben. Sie hat auch ein großes Gewicht. Und wer diese Entscheidung noch nicht getroffen hat, sollte sich fragen: Was hindert mich eigentlich, diesen Schritt zu tun?
Die zweite Entscheidung aber ist ein einzigartiger Prozess, der wohl bei jeder Frau und bei jedem Mann anders abläuft. Denn wenn du auf dem Platz stehst und wenn du mitspielen willst, dann heißt das noch lange nicht, dass du deinen Platz auch gefunden hast.
Mir ging es so, dass ich hier lange hin und hergerissen war. Zum Teil lag das an meiner persönlichen Entwicklung, weil ich mich selbst noch nicht so gut einschätzen konnte. Ich lernte dann die Gabenlehre von Paulus kennen: Jeder Christ ist unterschiedlich begabt. Die Gemeinde ist wie ein Körper, der aus unterschiedlichen Organen und Gliedern besteht. Keiner ist wie der andere. Jeder passt am besten an einen Platz, für den Gott uns geschaffen hat.
So logisch dieses Bild ist, so schwierig ist es aber, sich da wirklich selber einzusortieren. Denn zuerst mal muss man ja verstehen: Was sind denn meine Gaben? Und wenn ich dann einigermaßen verstanden habe, wo meine Stärken und Schwächen liegen, muss ich ja auch noch einen Platz in der Gemeinde finden, wo ich diese Gaben auch wirklich einsetzen kann.
In manchen Gemeinden ist viel Platz, sich einzubringen, und die Leute sind dankbar für jedes Engagement. Es gibt aber auch Situationen, wo ich meine Nische erst finden muss.
Wie ist das, wenn ich hervorragend organisieren könnte, aber die Gemeinde ist schon perfekt organisiert und braucht meine Gabe eigentlich gar nicht? Oder was ist, wenn ich hervorragend organisieren könnte, aber die Gemeinde hat gar kein Interesse daran, mir Aufgaben und Verantwortung zu übertragen? Das kann natürlich sehr frustrierend sein.
Wie ist das, wenn jemand sehr gut Gitarre spielt, aber die Gemeinde hat schon ein fettes Musikteam – und niemand kommt auf die Idee, da könnte auch Platz für eine dritte Gitarre sein.
Richten wir den Blick mal nach außen: Wie ist das, wenn jemand ein Herz hat, offen auf Fremde zuzugehen – und die Gemeinde ist nur mit sich selbst beschäftigt? Wenn die Veranstaltungen und Formen nur für die Leute gedacht sind, die sowieso schon immer dazu gehören? Christen mit einer missionarischen Begabung leiden manchmal unter solchen Strukturen, die zu sehr nach innen orientiert sind. Sie fühlen sich innerhalb der Gemeinde manchmal nicht ernst genommen oder fehl am Platz. Dabei sind gerade diese Christen die wichtigsten Spieler auf dem Platz, und sie brauchen am meisten Unterstützung. Man stelle sich ein Fußballspiel vor, wo es kein Mittelfeld gibt. Alle stehen nur in der Verteidigung, und niemand geht in den Sturm. Wenn da mal ein einzelner Spieler versucht, nach vorne zu spielen, hat der keine Chance, weil er ganz alleine ist.
Damit sind wir beim letzten Punkt für heute: Wenn Gemeinde ein Spielfeld ist, dann ist das Spiel auch immer ein Mannschaftsspiel!

4. Das Mannschaftsspiel
Die erste Frage ist also: Kommst Du auf den Platz? Willst Du mitspielen? Und die zweite Frage ist: Wie findest Du deinen Platz in der Mannschaft?
Und die dritte Frage geht an die ganze Gemeinde: Liebe Gemeinde, wie bauen wir denn neue Mitspieler in unsere Mannschaft ein? Schaffen wir Strukturen, in denen Menschen ihre von Gott gegebenen Gaben und Fähigkeiten entfalten können, in denen sie motiviert werden? Oder überlassen wir das dem Zufallsprinzip?
Vielleicht stehen manche Leute schon in den Startlöchern, aber niemand fühlt sich zuständig, ihnen den Ball zuzuspielen. Vielleicht wissen manche noch gar nicht, wo sie spielen sollen. Dann brauchen sie vielleicht einen Coach, der sie mal bei ein paar Spielen begleitet. Oder mal verschiedene Dinge ausprobieren lässt.
Als Pastor ist es mir wichtig, dass jede Christin und jeder Christ am richtigen Platz landet in dieser Mannschaft. Und dass das Zusammenspiel funktioniert.
Die Gemeinde als Spielfeld – das ist ein irre kompliziertes, kreatives Gewusel von unterschiedlichsten Menschen, die ihren Platz im Reich Gottes suchen und finden müssen und die dann lernen müssen, miteinander als Team klarzukommen, sich zu unterstützen, zu fördern, gemeinsam an einem Strang zu ziehen und am Ende möglichst den Ball auch ins Tor zu schießen.
Wie man das am besten miteinander hinbekommt, dazu gäbe es viel zu sagen. Ein bisschen habe ich schon in den Predigten zu den Gemeinde-Themen Sichtfeld, Übungsfeld und Minenfeld gesagt. Wir müssen lernen, mit uns selbst klarzukommen und wir müssen lernen, mit anderen Menschen klarzukommen, die die Dinge oft ganz anders sehen als wir. Und dann sind wir auf einmal in der gleichen Mannschaft und befinden uns mitten im Turnier, mitten in den Olympischen Spielen, Im Wettlauf und im Mannschaftsspiel. Und egal, ob die Leute auf den Tribünen gerade jubeln oder uns ausbuhen: Wir müssen versuchen, es so gut wie möglich hinzukriegen.
Ich möchte zum Abschluss mal so ein paar Sätze auf den Punkt bringen. Vielleicht ist ja einer dabei, den Sie heute neu zu so einer Art Leitsatz machen wollen.
5. Leitsätze für das „Spielfeld“
A) Es gibt keine „besonders berufenen Christen“. Alle, die an Jesus glauben, sind von ihm berufen zur Nachfolge. Jeder Mensch als Geschöpf Gottes ist einzigartig begabt. Jeder Christ ist von Gott bestimmt, einen Platz auszufüllen, der einzigartig ist. Die Frage ist nicht, ob du berufen bist, aufs Spielfeld zu gehen. Die Frage ist, ob du diese Berufung annimmst.
B) Finde deinen Platz auf dem Spielfeld. Sei ein Hammerwerfer! Sei eine Hochspringerin! Oder auf christlich: Sei eine tolle Gastgeberin für einen Hauskreis. Oder lass es krachen mit den Kindern beim Kindergottesdienst. Bau mit am Gerüst, wenn wir irgendwann mal den Saal renovieren oder sing mit im Singteam, wenn wir den neuen Saal dann einweihen. Sei das Herz des Gebetskreises. Aber vor allem: Sei du selbst.
C) Arbeite an deiner Teamfähigkeit. Gemeinde ist immer Teamplay. Und Teamplay ist wahnsinnig anstrengend, weil die anderen leider so anders sind. Trage deinen Teil dazu bei, dass das Team immer besser wird. Sprich Probleme an, aber bemühe dich auch um Lösungen. Entschärfe die Minen deines Minenfeldes und akzeptiere die unterschiedlichen Sichtfelder der anderen. Trainiere deinen eigenen Glauben immer weiter. Und trainiere deine Begabungen.
D) Lass dich feiern und lass dich ehren. Paulus hat diesen Begriff „Siegeskranz“ nicht umsonst gewählt. Vielleicht können wir das auch für uns noch mehr lernen: Gemeinde, das ist nicht nur Arbeit, sondern vor allem auch gemeinsam Gott feiern, gemeinsam Freude erfahren, sich gegenseitig Ehre erweisen.