Angst – oder Gottesfurcht?

Was ist eigentlich „Gottesfurcht“?

Gottesfurcht ist ein komisches Wort, zumindest für moderne Menschen. Für Christen hat der Begriff meistens einen guten Klang, aber wenn man von Furcht spricht und von Gott spricht, kann man extrem missverstanden werden. In der Bibel steht: Gott ist Liebe, und er möchte uns ja von Furcht frei machen. Wie passt das zu diesem seltsamen Wort „Gottesfurcht“? Wir sehen: Oha, das könnte spannend werden.

Um diesen Begriff mal packen zu können möchte ich nochmal ganz anders anfangen: 

Wir müssen über Evolution reden.

Nein, keine Angst – es geht heute nicht um das alte Reizthema Schöpfung oder Evolution. Sondern es geht um die Geschichte, wie die Menschen sich im Laufe der Jahrtausende in ihrem sozialen und gesellschaftlichen Umgang entwickelt haben.

Wenn man mal ein paar tausend Jahre zurückspult, finden wir uns in einer Kultur wieder, wo die Menschen noch in sehr kleinen Gruppen lebten. Es gab noch kein Internet, keine Tageszeitung und das Wichtigste: Kein McDonalds. Essen gab es nur, wenn man es schaffte, genug Früchte zu sammeln oder ein Tier zu jagen. Das hatte mit wilder Naturromantik nichts zu tun, sondern war harte Arbeit, und es war auch oft genug gefährlich. 

Was hat das mit Angst und Furcht zu tun? Nun, mehr als wir denken. Denn in dieser Zeit war Angst lebenswichtig.

Wenn so einer kleinen Menschengruppe auf offenem Feld zum Beispiel ein Löwe begegnete, ging es oft um Leben und Tod.

In dieser Situation ist Angst lebenswichtig. Du bekommst Angst, und plötzlich wird Adrenalin ausgeschüttet, deine ganzen Energiereserven werden angezapft und dein Körper stellt sich blitzschnell darauf ein, entweder die Flucht anzutreten oder zu kämpfen.

Man nennt das auch den „Fight oder Flight“-Reflex. Also Kämpfen oder Wegrennen.  Unser Gehirn schaltet in einen Tunnelblick. Alles Unwichtige wird an den Rand gedrängt, und alle Kapazitäten konzentrieren sich ausschließlich auf das Problem. In diesem Modus konnten die Menschen dann besser überleben. Sie konnten mit ihren einfachen Speeren einen angreifenden Löwen abwehren und auch viele andere knifflige Situationen bewältigen.

Wozu ist Angst gut? Angst schützt. Die Menschen entwickelten ein feines Gespür für mögliche Gefahren, und die Angst half ihnen, bestimmte Grenzen zu lernen und zu beachten, damit sie nicht ständig in Lebensgefahr gerieten.

Mal kurz zum Nachdenken: Warum erzählen wir Kindern eigentlich das Märchen vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf? Man könnte ja jetzt überlegen, ob es heute noch sinnvoll ist, kleinen Kindern so eine Angst vorm bösen Wolf einzupflanzen. Aber diese Geschichten gehen zurück auf eine Zeit, als es für uns noch lebenswichtig war,  vor Raubtieren einen gewissen Respekt zu haben. Weil die liefen eben frei herum. Mal ganz abgesehen davon, dass man Kinder auch heute nicht allein durch den Wald laufen lässt.

Angst hat also nicht nur schlechte Seiten, sondern gehört zu unserer menschlichen Entwicklung dazu, und das ist an und für sich gar keine schlechte Idee.

Jetzt ist die Menschheit aber nicht auf dieser Entwicklungsstufe stehen geblieben. Die meisten Menschen leben heute in großen gesellschaftlichen Gruppen, in Zivilisationen und Staaten. Aber unser Überlebensinstinkt, die Angst, steckt trotzdem noch wie vor tausenden von Jahren tief in uns drin. Sie hat nach wie vor ihre Funktion, zum Beispiel wenn wir eine Hauptverkehrsstraße überqueren.  Sie ist tief in uns angelegt und wichtig für unser Überleben. Aber jetzt hat sich einiges verändert: 

In einer Gesellschaft funktioniert Angst anders und kann mehr Probleme verursachen als dass sie hilft. Nochmal: Das Gehirn schaltet auf Tunnelblick. Adrenalin sorgt für körperliche Höchstleistung und schaltet uns in diesen Modus „Fight or Flight“ – Kämpfen oder weglaufen. Aggressionen oder Fluchtreflex.

Nun sind genau diese beiden Dinge in modernen Gesellschaften wenig hilfreich. Aggression und Kampf sind eher keine so gute Idee, das haben wir hoffentlich mittlerweile gelernt. Wenn ich vor jemandem Angst habe, darf ich ihm auch nicht einfach die Rübe einschlagen. Einige versuchen es, und gerade im prekären Milieu passiert das leider auch immer wieder.  Die rechtsextremen Anschläge auf Flüchtlingsheime haben ihre tiefste Ursache wohl in einer unkontrollierten Angst. Angst und Misstrauen gegenüber Fremden ist ein Motiv, das sich durch die Menschheitsgeschichte zieht. Auch in der Bibel finden wir es, zum Beispiel bei der Geschichte von Sodom und Gomorra, wo sich die Bevölkerung extrem aggressiv gegenüber den Besuchern Lots verhält, oder auch bei der Geschichte der Gibeaniter im Buch Richter. 

An diesen Geschichten zeigt sich, wie die Angst vor dem Unbekannten zu einer irrationalen  Aggression werden kann.

Kämpfen ist also nicht angebracht – aber weglaufen können und wollen wir in der Regel auch nicht.

Biologisch gesehen kriegen wir die Angst heut also nicht mehr einfach so bewältigt, wie unser Körper das gerne möchte. Wir sind dann vielleicht voller Adrenalin, aber wir werden es nicht los durch Kämpfen oder Wegrennen. Gesund ist das nicht. Sport könnte helfen, aber man kann ja nicht jedesmal gleich um den Block rennen, wenn man Angst und Stress hat.

Was als unverzichtbares Überlebenswerkzeug gedacht war, zeigt im menschlichen Miteinander auch seine Schattenseiten.

Diese Schattenseiten der Angst müssen wir in den Griff kriegen. Denn leider kann Angst damit auch missbraucht werden. Mit Angst kann man Menschen manipulieren. Die Demagogen haben schon immer die Angst benutzt als eines der wichtigsten Werkzeuge. Denn mit Angst kann man das Denken kontrollieren, Hass und Wut erzeugen und die Menschen anfällig machen für scheinbar einfache Lösungen.

Ich beschreibe mal so drei Faktoren, die da eine Rolle spielen:

a) Wovor wir Angst haben, nimmt automatisch einen großen Platz in unserem Denken ein.  Schulprüfung. Abitur. Und in der Nacht vorher kannst Du kaum schlafen, weil dein ganzes Denken nur noch um das große Problem schwirrt.

Angst dient also dazu, bestimmte Dinge zu priorisieren. Alle unsere freien Kapazitäten werden freigesetzt, um sich mit dem Problem zu beschäftigen. Wenn ich in der Wüste einem Löwen begegne, kann das sehr sinnvoll sein. Bei der Lösung komplexer Aufgaben wie einem gesellschaftlichen Problem oder einer Abiturprüfung ist das eher weniger hilfreich.

b) Angst kann verstärkt werden. Wenn Themen dauernd durch die Nachrichten gepeitscht werden, und wenn jede noch so kleine Meldung auf einmal wichtig zu sein scheint, passiert eine solche Verstärkung. Dann kommt es am Ende nicht mehr darauf an, wie groß eine Bedrohung wirklich ist, sondern wie stark sie von den Menschen empfunden wird. Wenn ein Schiff mit 200 Flüchtlingen nicht mehr in die Häfen gelassen wird, weil ganze Länder Angst haben vor einem unkontrollierbaren Ansturm hilfesuchender Menschen, dann ist das schlicht unverhältnismäßig. Ganz abgesehen davon, dass es eine menschliche Sauerei ist.

c) Mit Angst kann man also die Dinge aufblasen. Bei näherem Hinsehen entpuppen sich viele Dinge, die uns Angst machen, als Scheinriesen. Vielleicht kennen Sie ja noch die Geschichte von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer. Auf ihrer Reise sehen sie in der Wüste am Horizont einen Riesen, der sie zunächst in Angst versetzt. Als sie sich dann näher an ihn heran trauen, schrumpft der scheinbare Riese immer mehr, bis er sich schließlich aus der Nähe als ein Mensch von ganz normaler Statur herausstellt, der obendrein sehr nett ist.

Was bedeutet das im Hinblick auf die Angst? Angst haben wir am meisten vor den Dingen, die wir nicht kennen. Je näher wir dran sind, desto besser können wir beurteilen, ob wir wirklich Grund zur Angst haben oder ob wir uns aus der Entfernung nur haben täuschen lassen.

Deshalb kann man Menschen am besten mit Dingen manipulieren, von denen sie nur wenig Ahnung haben.  Und zu wenige machen sich dann die Mühe, mal genau zu forschen und es sich aus der Nähe anzuschauen.

Okay, wir merken: Angst ist in bestimmten Lebenssituationen hilfreich und sogar nötig. In anderen Situationen kann sie aber blockieren, in die Irre führen und ziemlich schädlich sein.

Jetzt kommen wir nach diesem Ausflug in die Natur und in die Gesellschaft mal langsam in unsere eigenen christlichen Hoheitsgewässer: Wie ist das mit der Angst und dem Glauben? In der Bibel gibt es eine Menge Stellen, die von Angst und Furcht sprechen. Aber wer genauer hinschaut merkt: Hoppla! Da gibt es unterschiedliche Bewertungen, ob Angst gut oder schlecht ist. Manchmal gibt es da regelrechte Widersprüche. So wird die Gottesfurcht in der Bibel als etwas sehr Wertvolles und Wichtiges angesehen. Aber gleichzeitig sagt Gott selbst sehr oft zu den Menschen: Fürchtet euch nicht. Ja, was denn nun?

Was ist nun mit Gottesfurcht? Die größten Denker in der Bibel waren sich alle einig: Wenn Du wirklich ein weiser Mensch werden möchtest, dann kommst Du an der Gottesfurcht nicht vorbei. „Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang“ (Ps 111,10) ist eine grundsätzliche Aussage der Bibel.  Wenn wir diese Verse genauer studieren merken wir aber schnell: Naja – damit ist jetzt aber auch nicht gemeint, dass wir in ständiger Angst vor Gott leben sollen. Ganz im Gegenteil. Gerade die Menschen, die Gott fürchten, stehen in einer sehr positiven Beziehung zu ihm. Spr 14,26 In der Furcht des HERRN liegt starkes Vertrauen… 27 Die Furcht des HERRN ist eine Quelle des Lebens…

Und dann spricht Gott ja auch genau in diese Gottesfurcht hinein und sagt ausdrücklich: Fürchtet euch nicht! Ein Satz, der in der Bibel viel öfter vorkommt als die Gottesfurcht. An vielen Stellen werden wir ausdrücklich von Gott aufgefordert, dass wir uns nicht fürchten sollen.

Offensichtlich hat die Bibel eine ziemlich realistische Sicht auf dieses Problem mit der Angst. Gott weiß, dass wir als Menschen mit Ängsten umgehen müssen, und dass unsere Ängste uns auch in die falsche Richtung treiben können. Darum begegnet er uns mit einer grundsätzlichen Anrede, und die ist: Keine Angst. Don’t Panic! 

Auf einmal merken wir: Was sich am Anfang so ein bisschen düster und negativ angehört hat, bekommt mit einem Mal einen sehr positiven Klang, fast schon versöhnlich. Die Gottesfurcht scheint etwas zu sein, was uns an einem ganz schwierigen Punkt in unserem Leben abholt und uns sagt: Schau, dieser Gott, vor dem du als kleiner Mensch eigentlich eine Wahnsinnsangst haben müsstest, der begegnet dir in Liebe. Und er möchte dir genau diese Angst nehmen. In einer gesunden Gottesfurcht können wir die destruktiven Ängste, die unser Leben kaputt machen, überwinden. Die Gottesfurcht ist das Gegenfeuer der Liebe, die das Feuer der Angst auslöscht.

Was heißt das?

Geistliches Wachstum heißt auch, dass ich mit Ängsten neu umgehen lerne. Lass dir keine Märchen erzählen, die dir Angst vorm bösen Wolf machen, sondern sortiere die Dinge richtig ein. Gott möchte uns helfen, falsche Ängste zu überwinden. 

Der christliche Glaube ist eines der Hauptwerkzeuge gegen falsche Ängste. Er darf nicht zur Panikmache missbraucht werden!

Leider erlebe ich bei manchen Christen genau das: Da wird die Endzeit beschworen und da werden apokalyptische Schreckgespenster an die Wand gemalt: Die große Verfolgung kommt. Sie legen die Bibel neben die Tageszeitung und vergleichen, welche weltweiten Entwicklungen sich mit den gruseligen Gerichten der Johannesoffenbarung vergleichen lassen.

Der entscheidende Fehler dabei ist: 

Erstens wird da nie die ganze Bibel angeschaut, sondern immer nur einzelne Bücher. Und zweitens handelt es sich bei diesen Büchern dann auch noch um extrem kompliziert auszulegende Texte wie die Propheten Daniel, Hesekiel oder die Offenbarung des Johannes. Ich möchte das mal ganz offiziell benennen: Diese Endzeit-Panikmache ist in meinen Augen ein Missbrauch des Wortes Gottes.

Ja, es gibt solche Texte in der Bibel, und es geht mir nicht darum, diese Texte zu ignorieren. Ganz im Gegenteil.  

Aber lasst uns diese Texte auf dem Hintergrund der guten Nachricht von Jesus lesen.

Die Bibel redet nicht über die Ewigkeit, um uns Angst zu machen, sondern um uns Hoffnung zu machen. Die Quintessenz der Offenbarung ist nicht, dass eine große Trübsal über die Welt herein bricht, sondern dass Gott diese Welt erneuern wird, und dass er gerade richten wird, was wir verrückt haben. Dass er heilen wird, was krank und kaputt ist. Dass er alles neu macht.

Das ist doch die Aussicht, mit der wir umgehen dürfen. Ganz gleich, wie sehr die Welt um uns herum gerade verrückt spielt.

Gott ist Liebe, und die wahre Liebe treibt die Furcht aus. Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

In einer gesunden Gottesfurcht kannst du deinen Ängsten mutig ins Gesicht sehen. 

Dazu mal ein Beispiel: Der offizielle Predigttext von heute ist eigentlich die Geschichte, wo Gott den Patriarchen Abram auffordert, sein Heimatland und seine Herkunftsfamilie zu verlassen und sich auf eine Wanderung ins Ungewisse zu begeben. Er machte ihm Mut und versprach ihm, dass er ihn segnen würde.

 Abram hörte auf Gott und vertraute ihm. In diesem kurzen Text steht nun nichts darüber, ob Abram mit Angst und Unsicherheit zu tun hatte. Man kann es sich aber sehr gut denken. Der Schwerpunkt dieser kurzen Episode ist, dass Gott uns anspricht und uns herausfordert. Das erfordert Mut und Vertrauen. Und diese beiden Dinge – Mut und Vertrauen, sind natürlich das beste Mittel gegen die Angst.

Der Weg mit Gott fordert und heraus, immer wieder Mut und Vertrauen aufzubringen, gegen unsere Ängste und Sorgen.

In einer Gemeinde geht es immer auch darum, gemeinsam mutig zu werden. Gerade weil wir gottesfürchtig sind, sind wir mutig: Dass wir Schritte wagen, vermeintliche Sicherheiten loslassen und Neues ausprobieren. Gottesfurcht ist gerade nicht die Abschottung in einen Status Quo, weil wir Angst haben, irgendwelche falschen Schritte zu gehen. Nein: Gott fordert uns immer wieder dazu auf, Schritte zu machen. Er kann mit unseren Fehlern sehr gut umgehen. Das sieht man auch an der Abraham-Geschichte. Da läuft alles mögliche schief, aber das ist für Gott kein Hindernis. Er fordert Abraham immer wieder zu Mut und Vertrauen heraus. Nicht nur einmal, sondern immer wieder.

Was heißt Gottesfurcht nun für uns heute? 3 Impulse zum Schluss

1. Lass dir die entscheidenden Worte zusprechen: Fürchte dich nicht. Diese Grundformel des Glaubens steht über dem ganzen Thema Gottesfurcht. Der einzige, den wir wirklich fürchten müssen, nicht nur in diesem Leben, sondern auch nach unserem Tod, gerade vor dem brauchen wir keine Angst zu haben. Der hat die Angst besiegt am Kreuz und hat unsere Ewigkeit von jeder Angst befreit. Fürchte Dich nicht!

2. Lass dich nicht kirre machen. Lass dir keine Angst machen von Leuten, die dir irgendetwas erzählen wollen. Ganz gleich ob das Politiker sind, die mit unseren Ängsten ihren Wahlkampf ankurbeln wollen oder ob das fromme Christen sind, die dir Schauergeschichten über das Ende der Welt erzählen. Lass dir keine Scheinriesen vormachen. Schau genau hin, was wirklich den Tatsachen entspricht, denn es gibt viele Halbwahrheiten in dieser Welt, und das Schlimme an Halbwahrheiten ist, dass immer die falsche Hälfte geglaubt wird. Und so mancher Scheinriese hat sich beim Näherkommen schon in einen ganz netten Menschen verwandelt.

3. Gottesfurcht heißt: Fürchte nicht die Menschen, und nicht was Menschen sagen. Sondern sei mutig und stark und vertraue auf Gott. In der Gottesfurcht wachsen heißt, dass wir im Mut und im Vertrauen wachsen. Gott fordert uns immer wieder zu solchen Schritten heraus. Und ich glaube, dass unsere Welt sie heute bitter nötiger hat.