„Im Rat des Herrn“ – was ist das?

Ich will heute über einen sehr alten Text aus der Bibel reden. Wenn wir bereit sind, uns darauf einzulassen, wird das für uns vermutlich eine große Herausforderung.  Aber dieser Text spricht ein Thema an, das uns  sehr tief berührt. Es geht um die Frage, ob wir bereit sind, wirklich auf Gott zu hören. Oder umgekehrt könnte man sagen: Es geht um die Frage, wo wir nicht bereit sind, auf Gott zu hören.

Mal zur Einleitung ein paar Gedanken, die damit ganz eng zusammen hängen:

Religion ist etwas, das unserem Leben grundlegend Sinn verleiht. Glaubensüberzeugungen geben uns innere Stabilität. Darum ist Religion für jede Gesellschaft ein entscheidender Faktor, denn so gewinnt man gemeinsame Überzeugungen und gemeinsame Stabilität.

Jede Regierung möchte das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen. In einer Demokratie steckt das ja sogar schon im System drin. Aber selbst Diktatoren wollen das. Und Könige in der Antike waren ebenfalls darauf angewiesen.

Natürlich kann man sich das Vertrauen auch durch gute Entscheidungen oder eine gute Regierungsarbeit aufbauen. Es ist aber viel einfacher, sich sozusagen an das religiöse  Vertrauen anzudocken. Denn die Menschen haben ja bereits diese tiefe religiöse Überzeugung, und wenn man es als Herrscher schafft, das religiöse Vertrauen oder ich sage mal die „Gottesfurcht“ für sich selbst in Beschlag zu nehmen, dann kann man die Menschen viel leichter beeinflussen und leiten.

Das kann man in der ganzen Geschichte sehen, und man sieht es auch heute. Der römische Kaiser Konstantin machte das Christentum ja zur Staatsreligion und leitete damit eine neue Ära des römischen Reiches ein. Das ganze Mittelalter war ein Katz- und Maus-Spiel zwischen päpstlicher und weltlicher Autorität. Und bis in die frühe Neuzeit hinein verstanden wir in ganz Westeuropa die Könige als Könige von Gottes Gnaden. Selbst nichtchristliche Herrscher gebrauchten an vielen Stellen eine quasi religiöse Sprache, um die Menschen zu beeinflussen. Wo von heiligen Pflichten gesprochen wurde oder von der Vorsehung, finden wir diese Strategie wieder. Und selbst der atheistische Kommunismus trägt Züge eines religiösen Weltbildes.

Dass heute gewisse Ministerpräsidenten quasi per Dekret religiöse Symbole in die Vorzimmer ihrer Amtsstuben hängen lassen und sich mit dem Papst fotografieren lassen, ist dagegen nur eine kleine Randnotiz. Aber das Spiel ist das gleiche wie schon in der Antike: Wer es schafft, die religiösen Gefühle auf seine Seite zu ziehen, hat als Herrscher die besseren Karten.

So weit mal die Einleitung zu unserem Thema. Jetzt tasten wir uns mal an diesen alten prophetischen Text heran. Er stammt von Jeremia.

Jeremia lebte in einer ziemlich turbulenten Zeit. Israel war ein wichtiger geopolitischer Knotenpunkt und wurde wechselseitig von den Assyrern, Ägyptern und Babyloniern erobert. Die judäischen Könige hatten alle Hände voll zu tun, um ihre wacklige Macht durch verschiedene Bündnisse zu stabilisieren. Wer wissen will, wie die Geschichte ausging: Im Jahr 586 vor Christus hatten die Babylonier die Nase voll von dem Spiel und machten Judäa kurzerhand platt. Das war der Beginn der babylonischen Gefangenschaft.

Unsere Geschichte spielt in der Zeit vor dieser Katastrophe. In Jerusalem regiert Zedekia, der vorerst letzte jüdische König. Mit allen Tricks muss er sich über Wasser halten. Und dazu gehörten eben auch die religiösen Machtspielchen.

Deshalb gab es in Jerusalem auch königlich angestellte Priester und Propheten. Göttliches Bodenpersonal mit royaler Lizenz, damit Gott auch ganz sicher der gleichen Meinung ist wie der König.

Dementsprechend sagten diese königlichen Propheten auch nur das, was dem König in den Kram passte. Denn eines konnte Zedekia sich ganz und gar nicht leisten: Einen Propheten, der ihn öffentlich kritisierte.

Dummerweise gab es da aber noch diesen Jeremia. Der war nicht beim König angestellt, und er lief schon seit Jahren frei herum und verursachte durch öffentlichkeitswirksame Aktionen nichts als Probleme. Öffentliche Kritik an Königen ist nun aber ziemlich gefährlich. Das Ganze endete dann damit, dass Jeremia gefangen genommen wurde. Kein Wunder. So einen Quertreiber konnte sich der König nicht leisten.

Damit zeigt sich aber auch schon das ganze Dilemma:  Wo Gott nicht mehr gegen mich sein darf, da setze ich ihm Grenzen. !

Zedekia begrenzte den Einfluss Jeremias, indem er ihn unter seine Kontrolle brachte. Heimlich befragte er ihn manchmal, aber öffentlich hatte er eine ganz andere Agenda. Er kontrollierte die religiöse Öffentlichkeit mit seinen eigenen Propheten, um die Bevölkerung bei Laune zu halten.

In diese Situation hinein spricht nun Jeremias beißende Kritik an diesen königlichen Marionetten-Propheten: Ihr benutzt den Glauben, um die Menschen einzulullen. Ihr erzählt ihnen Märchen. Ihr bastelt euch Gott so zurecht, wie es euren Wunschträumen entspricht. Aber die wirklichen Anliegen Gottes habt ihr nicht verstanden.

Wer den Predigttext gerne selbst nachlesen möchte: Er steht im Buch Jeremia, im 23. Kapitel, ab Vers 16-29

Ich greife heute mal nur ein paar Verse heraus, damit es nicht zu unübersichtlich wird: *

16 So spricht der HERR, der Herrscher der ganzen Welt: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch, sie verkünden euch Visionen aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN.

17 Sie sagen denen, die das Wort des HERRN verachten: „Es wird euch gut gehen“ –, und allen, die starrsinnig ihrem eigenen Herzen folgen, sagen sie: „Es wird kein Unheil über euch kommen.“

18 Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört? […]

21 Ich habe die Propheten nicht beauftragt, und doch laufen sie; ich habe nicht zu ihnen geredet, und doch weissagen sie. 22 Wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meinem Volk meine Worte gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun abzuwenden.

So weit einmal diese Ausgangssituation. Ich möchte jetzt versuchen, diese Problematik für uns greifbar zu machen. Was können wir aus dieser Kritik lernen?

Für den jüdischen König Zedekia war klar, dass Gott nur dann nützlich ist, wenn er auf seiner Seite ist. Dann war Gott für ihn gut. Aber als Kritiker konnte er Gott nicht gebrauchen. Das hört sich ein bisschen einfach an, aber genau so ticken sehr viele Menschen Sie stellen sich die Frage: 

Was bringt es mir? 

Oder in Punkto Religion: Wie nützlich ist Gott für mich?

Ja, ich höre mir auch mal einen Rat von ihm an. Aber ich entscheide, was ich damit mache. Gott darf etwas sagen, aber ich entscheide.

Es geht um die Frage, welche Rolle Gott in unserem Leben spielen darf. Wo darf er mir reinreden. Wo gestatte ich ihm, das Wort zu ergreifen?

Oder, ich sage es mal mit einem Begriff aus dem Bibeltext:  Steht Gott in meinem Rat oder stehe ich in seinem Rat? Ist Gott ein Teil meines Königreiches oder bin ich ein Teil seines Königreiches?

Nun sind die meisten von uns keine Könige. Wir haben in der Regel nicht so viel Verantwortung und auch nicht so viel Macht wie ein Herrscher. Das ist klar.

Aber trotzdem sollten wir nicht so schnell darüber hinweg huschen. Denn Machtspiele gibt es selbst unter den christlichsten Menschen. Dass man sich gegenseitig mit Bibelstellen überbietet, um seine eigene Meinung durchzudrücken. Dass die Bibel seltsamerweise immer nur das sagt, was ich für richtig halte. Dass Jesus immer auf meiner Seite ist.

Vor diesen Machtspielchen sind wir nicht gefeit. Und es ist gut, wenn wir uns das immer mal wieder wie einen Spiegel vorhalten.

Steht Gott in meinem Rat oder stehe ich in seinem Rat?

„Im Rat des Herrn stehen“ – was heißt das denn? Heute würde man sagen: Wenn du im Rat des Herrn stehst, das heißt, dass Gott dein bester Freund ist und dass du seine intimsten Gedanken kennst. Dass du Bescheid weißt, und dass du zuverlässig sagen kannst, was sein Wille ist.

So, hier sind wir jetzt mittendrin. Das ist unser Thema: Sind wir bereit und in der Lage, wirklich auf Gott zu hören? Und wo sind wir möglicherweise nicht bereit, auf Gott zu hören? 

1. Im „Rat des Herrn“ stehen

Wenn ich jemanden um Rat frage, dann heißt das: 

Erstens: Mir ist die Meinung dieser Person wichtig. Ich schätze die Meinung dieser Person. Sie hat für mich Autorität. Sie hat Ahnung. Sie weiß in dieser Sache besser Bescheid als ich. 

Zweitens: Ich kann eine Entscheidung nicht zuverlässig treffen. Ich brauche Rat. Ich merke, dass mein Wissen nicht ausreicht. Ich brauche Anleitung und Beratung.

Also kurz: Ich gebe jemand anderem einen höheren Rang als mir selbst. Ich spreche ihm das Vertrauen aus.

Das ganze funktioniert aber nur dort, wo jemand bereit ist, diesen Rat auch anzunehmen. Die besten Berater sind überflüssig, wenn ich nicht in der Lage bin, ihnen dieses Vertrauen auszusprechen. Wenn ich selbst die Fäden in der Hand halten will. Wenn meine Berater nur Funktionäre sind, die ich nach meinem Belieben aussuche und austauschen kann. 

Darum finde ich es hochinteressant, welches Wort hier für „Rat“ steht. Denn genau so ein königlicher Beraterstab ist hier überhaupt nicht gemeint. Es ist auch kein göttlicher Ratschluss, kein fertiger Plan, den Gott schon fertig verordnet hat und nur noch mitteilt. 

Im Hebräischen steht hier ein Wort, das nur in bestimmten Zusammenhängen gebraucht wird. Dieses Wort heißt „Sod“.

Und dieser Begriff „Sod“ hat einen ganz intimen, familiären Klang. Wenn ich dieses Wort wie einen guten Wein verkosten könnte, dann würde ich sagen: „Sod“, das schmeckt im ersten Moment wie etwas total Grundlegendes, wo ich drauf bauen kann. Ich schmecke Aromen von Familie und Vertrauen. Es hat eine komplexe Note von einem verschworenen Freundeskreis.

Und der Nachgeschmack ist kein Beschluss, sondern ein sehr persönlicher guter Rat, den ich schätze und mit dem ich mich identifizieren kann.

Im Rat des Herrn stehen, das ist nicht einfach nur Gesetze befolgen und Bibelstellen nachschlagen. Sondern das ist Nähe und Vertrauen.

Ein Gesetz kann ich nachschlagen. Dafür muss ich kein Prophet sein, oder? Um eine Bibelstelle zu zitieren, muss ich kein Prophet sein. Das heißt nicht, dass die Bibel nicht wichtig ist. Ganz im Gegenteil! Ich würde sagen, dass es sogar von allergrößter Bedeutung ist, dass wir uns sehr sorgfältig in der Bibel auskennen. Aber im Rat des Herrn stehen, das ist mehr. Dafür muss ich mich Gott nähern. Dazu muss ich ihn persönlich an mich heran lassen. Dazu braucht es Demut und Stille und ein hörendes Herz.

Menschen, die ihre Beziehung mit Gott auf diese Weise leben, haben oft einen sehr wohltuenden Einfluss auf andere. Es sind barmherzige Menschen, weil sie den barmherzigen Gott kennengelernt haben.  Es sind Menschen, die sich nicht zum Maß aller Dinge machen, weil sie eine wohltuende Demut in sich tragen. Es sind Leiter, die Gott nicht für ihre eigenen Zwecke missbrauchen, sondern sich korrigieren lassen. Und gerade so schaffen sie es, andere auf dem richtigen Weg zu führen.

Dazu mal ein Beispiel: Wanderkarten sind ja was Tolles. Ich liebe Wanderkarten. Wo immer ich auch hinkomme, kaufe ich mir immer eine topografische Wanderkarte.  Und meistens sind diese Karten auch relativ gut. Im Großen und Ganzen kann ich ihnen vertrauen.

Es gibt aber immer wieder Wege, die sich ein klein wenig verändern. Wo im Wald eine neue Schneise angelegt wird oder wo in den Alpen ein Bergrutsch einen alten Weg verschüttet. Und dann ist die Karte nicht mehr 100% genau.

Jetzt kommt es darauf an, ob ich mit der Gegend vertraut bin. Ob ich sie wirklich kenne. Dann kann ich ziemlich sicher sagen, ob die Karte noch stimmt oder ob man an einer Stelle einen kleinen Umweg machen muss oder sogar eine Abkürzung finden kann.

Wenn ein Leiter mit dem Weg nicht vertraut ist, kann er trotz Karte einen falschen Weg einschlagen.

Wir waren mal unterwegs bei einer Nachtwanderung im bayerischen Wald. Und plötzlich merkten wir: Moment, der Weg ist ja gar nicht mehr da. An dieser Stelle hatten Waldarbeiter schwere Bäume aus dem Wald geholt und den Wanderweg auf 20 Metern total zerstört. Tagsüber kein Problem – aber nachts war das ein großes Problem. Und da hätte es überhaupt nicht geholfen, wenn ich jetzt meine Karte heraus geholt hätte und gesagt hätte: „Ich habe eine Karte, folgt mir!“. Weil der Weg, der auf der Karte war, war nicht da.

Also sind wir angehalten und haben uns beraten. Wir haben Rat gehalten. Alle bleiben zusammen, und wir gehen vorsichtig einen großen Kreis von 50 Metern, bis wir den Weg wieder gefunden haben. Und genau das haben wir gemacht. Wir haben den Wald vor Ort erkundet. Wir haben Rat gehalten und einander vertraut. Nach 20 Metern hatten wir den Weg wieder, und dann war alles okay.

Wenn wir im Rat Gottes stehen, dann heißt das: Vertrauen, genau hinhören, und wenn wir den Weg gerade nicht sehen, nicht kopflos in der Gegend herum rennen. Sondern auf Gott hören, warten und vertrauen.

Mir persönlich ist zur Zeit das stille Gebet sehr wichtig geworden. Wenn wir so zur Ruhe kommen, dann kann Gott auch nochmal ganz neu und kräftig in unser Leben hinein reden. 

Wie kann das aussehen?

In unserem Text heißt es: 22 Wenn die Propheten  in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meinem Volk meine Worte gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun abzuwenden.

2. Umkehr von schädlichen und bösen Verhaltensweisen

Wer schon mal ein wenig in den biblischen Prophetenbüchern gelesen hat, der weiß, dass es dort nicht nur um Gottes Gericht und Zukunftsvoraussagen und phantastische Visionen geht, sondern im Gegenteil: Die meisten Propheten sprechen ganz konkrete gesellschaftliche Probleme an. Sehr oft geht es um soziale Gerechtigkeit und um den Kampf gegen Ungerechtigkeit. Die Propheten waren meistens Regierungskritiker. Sie waren die von Gott geschickte Opposition in einem Staat, in dem es eigentlich keine Opposition geben durfte.

Überall dort, wo die Könige ungerecht regierten, schalteten sie sich ein. Und natürlich auch dort, wo die Könige die Religion missbrauchten oder dem Gott Israels den Rücken kehrten. Dann riefen sie die Menschen zur Umkehr auf – zurück zu Gott und zurück zu einem Leben in Gerechtigkeit.

Jeremia bringt es hier auf den Punkt: Ein echter Prophet wird die Menschen immer dazu aufrufen, in eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott zurück zu kehren. Er legt den Finger in deine Wunde. Ein Prophet sagt dir nicht, was du hören willst, sondern das, was du hören musst. Er zeigt dir nicht den bequemen Weg, sondern den richtigen Weg.

Vielleicht wirst Du dich über solche Leute sehr ärgern. Denn sie bürsten uns gegen den Strich. Meistens. Darum: Wenn jemand dir etwas sagt, und du ärgerst dich darüber, dann schau sehr genau hin: Vielleicht ist genau dieses Wort ein Wegweiser in die richtige Richtung.

Zum Schluss ein paar Worte auf den Weg:

– sei bereit, auf Gott zu hören. Das heißt: Benutze Gott nicht für deine Zwecke, sondern lass ihn dir deinen Weg zeigen.

– stehe ihm Rat des Herrn. Das heißt: Wachse im Vertrauen und in der engen Gemeinschaft mit Gott. Sei still vor ihm. Erkunde Gott wie eine Landschaft, wo die Karte nicht genau genug ist.

– sei bereit, umzukehren. Das heißt:  Denke nicht, dass dein Weg schon richtig ist. Sondern achte auf andere Menschen, die mit Gott unterwegs sind, ob sie etwas in dein Leben hinein sprechen, wo Gott dich korrigieren möchte.