Der neue Bund

Der neue Bund

Was ist das Abendmahl? Und warum heißt es eigentlich Abendmahl, auch wenn wir es doch am Sonntag Vormittag feiern? Und warum essen wir da Brot? Und warum trinken wir da Wein bzw. Traubensaft?

Ich kann mir gut vorstellen, wenn jemand noch gar nicht so sehr mit dem christlichen Glauben in Kontakt gekommen ist, dann ist dieses Ritual schon ziemlich komisch. Was hat so ein Stück Brot und ein Schluck Traubensaft denn um Himmels willen für eine geistliche Bedeutung? Warum machen die Christen so ein Aufhebens darum? Warum feiern es manche jeden Sonntag, andere nur ab und zu und andere nur einmal im Jahr? Warum dürfen in manchen Gemeinden alle daran teilnehmen und in anderen Gemeinden nicht? Warum macht die katholische Kirche so ein Stress, wenn ein evangelisch / katholisches Ehepaar gemeinsam an der Eucharistiefeier teilnehmen will?

Ich kann mir vorstellen, dass manche nur verwirrt mit dem Kopf schütteln.

Ja, wir haben vielleicht schon einige Dinge zum Abendmahl gehört – es hat irgendetwas mit dem Tod Jesu am Kreuz zu tun und irgendwie mit Sündenvergebung –  aber was genau dahinter steckt, bleibt manchmal etwas nebulös.

Jesus hat diese besondere Handlung ja am Abend vor seiner Kreuzigung vollzogen. Daher kommt auch der Begriff „Abendmahl“. Manche sagen auch: „Das Mahl des Herrn“. Und in der katholischen Kirche gibt es den Begriff der Eucharistiefeier. Eucharisteo ist ein altes griechisches Wort und bedeutet: Ich sage Dank! Es ist also ein Mahl der Dankbarkeit für das, was Jesus getan hat.

Auf Englisch sagen manche „Communion“. Das heißt „Gemeinschaft“. Denn wir Christen feiern, dass Jesus in diesem Mahl mit uns Gemeinschaft hat. Und wir miteinander Gemeinschaft haben.

Wir sehen: Der Name ist gar nicht so entscheidend. Er kann verschiedene Aspekte dieses geheimnisvollen Sakraments ausdrücken. Aber irgendwie bleibt es eben auch geheimnisvoll, und wir kriegen es nicht so ganz in den Griff.

Das Besondere beim ersten Abendmahl war, dass es auch das letzte Abendmahl war. Die letzte gemeinsame Mahlzeit, die Jesus vor der Kreuzigung mit seinen Jüngern zu sich nahm. Das ist sehr bedeutsam, denn die Tischgemeinschaft war für die Juden damals sehr wichtig. Und an diesem Tag feierte Jesus nicht nur irgendein Essen, sondern es war auch das jüdische Passahmahl. Für Uneingeweihte noch ein Fremdwort! Wir merken: Das alles hat viel Erklärungsbedarf. Da liegt viel Bedeutung in der Luft. Zum Passah sage ich nachher nochmal etwas. Für den Anfang möchte ich hier einfach mal den Bogen schlagen zum Predigttext für den heutigen Sonntag. Denn dort ist die Rede von einem Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hatte. Das Passahmahl war ein wichtiger Bestandteil dieses Bundes, und das ist sozusagen dann auch der Anknüpfungspunkt, wo wir die Brücke zum Abendmahl schlagen können.

Der Text für den heutigen Sonntag steht in Jeremia 31:

(Jeremia 31,31-34)

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; 33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Spätestens hier wird es spannend. Jeremia hatte ja von einem neuen Bund gesprochen.  Als Jesus das Abendmahl mit seinen Jüngern feiert, verwendet er auch diesen Begriff: Bund. Und er verwendet genau diese Begrifflichkeit aus dem alten prophetischen Buch.   „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut“ – so heißt es in den Einsetzungsworten, die wir vor jedem Abendmahl hören.

Was ist ein Bund? Und wie funktioniert das mit dem Abendmahl?

Wenn man sich die heutige Christenheit anschaut, dann sieht man da unheimlich viele verschiedene Meinungen und Standpunkte. Irgendwie haben wir es geschafft, aus dem wichtigsten Zeichen christlicher Einheit ein Symbol von theologischer Rechthaberei, Spaltung und Streit zu machen. Das ist paradox, aber nicht wirklich verwunderlich:  Hier geht es nämlich um den Mittelpunkt christlicher Theologie: Es geht um die Frage, was der Tod Jesu am Kreuz zu bedeuten hat, und es geht um die Frage, wie wir durch diesen Tod erlöst werden.

Darüber könnte ich jetzt locker eine Stunde referieren. Aber das wäre nicht nur langweilig. Es würde auch genau dem widersprechen, was Jesus mit dem Abendmahl wollte.

Machen wir es mal ganz kurz: An diesem Abend wollte Jesus seinen Jüngern zeigen, was sein bevorstehender Tod am Kreuz mit dem neuen Bund zu tun hat. Aber Jesus gab seinen Jüngern keine Erklärung. Er gab ihnen keine  Theorie – sondern er gab ihnen eine Mahlzeit.

Er gab ihnen keine abstrakten Gedanken. Keine Theorie. Keine mathematische Formel. Er gab ihnen etwas, woran sie teilhaben konnten. Ein Schauspiel. Ein Drama. Etwas zum sehen, fühlen, schmecken, begreifen. Etwas zum teilhaben.

Und das ist der entscheidende Punkt. 

Wie erkläre ich einem Menschen die Versöhnung mit Gott? Da kann man viele Worte machen, die alle richtig sind: Ich kann sagen: Jesus hat uns von dem Fluch der Sünde befreit.  Ich kann von der Sühneopfertheologie reden oder von anderen komplizierten Dingen. All das ist wichtig. Aber es hilft mir erstmal nicht weiter, das einfach nur zu wissen.

Wir brauchen Gnade. Wir sind das Problem in der Welt. Wir sind gebrochene Geschöpfe. Wir alle sind wunderbar geschaffen zum Bild Gottes. Aber jede und jeder von uns spürt das doch: Dieses Wunder, diese sehr gute Schöpfung Gottes, ist zutiefst korrumpiert. In dieser Welt passiert so viel Schlimmes. Die Welt ist voll von Beweisen für die Gebrochenheit des Menschen.  Ich bin eine gebrochene Kreatur. Ich brauche Erlösung.

Wenn ich das erkannt habe: Wie sieht diese Erlösung aus? Und jetzt kommt Jesus mit dem  Abendmahl. 

Wir machen einen großen Fehler wenn wir denken, wir könnten das nur mit unserem Hirn erfassen und uns da logisch hinein denken. Denken ist ohne Frage wichtig. Aber man kann einfach nicht alles mit Worten erklären. Schon gar nicht solche Dinge, die uns als ganzes Geschöpf betreffen, und die uns in unserer tiefsten Zerbrochenheit erreichen sollen. Dafür reichen Worte nicht aus. Dafür brauchen wir mehr. Wir brauchen Handlungen.Zeichen. Tiefe, elementare Symbole. Und Brot und Wein gehören zu den elementarsten Dingen im Leben. Nahrung und Lebensfreude. Das Brot als Zeichen des Lebens: Du darfst essen. Du wirst von Gott genährt und erhalten. Du darfst leben. 

Und der Wein als Zeichen der Freude: Du darfst dich laben. Du darfst dich freuen am Leben, das Gott dir gibt. Du darfst das Leben feiern.

Jesus schaut seine Jünger an, die mit ihm am Tisch liegen, und er sagt: „Tut das zu meinem Gedächtnis“. Das ist eine Sprache, die benutzt wird, um einen Bundesschluss auszudrücken. Das ist nicht nur Erinnerung an das Kreuz als ein historisches Ereignis, sondern diese Erinnerung nimmt uns mit hinein in den neuen Bund Gottes. Wir feiern das Mahl als Erinnerung daran, dass wir dazu gehören zum neuen Bund.

So funktionieren diese Symbole und Zeichen in der ganzen Bibel:

Diese Symbole stehen nicht für sich selbst, sondern sie sind Zeichen, die auf den Bund Gottes hindeuten. Sie erinnern die Menschen daran, dass Gott seine Zusagen treu und zuverlässig einhält. Der Regenbogen ist nicht das Wesentliche. Er ist aber ein Zeichen Gottes für Noah, für den Bund, den er mit ihm geschlossen hatte. Später gab es das Passahmahl, das die Juden an die Befreiung aus der Sklaverei erinnerte. Nicht das Passahmahl war entscheidend, sondern die Befreiung. So steht es ja auch hier im Jeremia-Text: Gott sagt nicht: Der Bund mit dem Passah, sondern er sagt: An dem Tag, als ich sie aus Ägypten führte. Das Passah ist nur ein Zeichen zur Erinnerung an diesen Bund. Diese Zeichen deuten auf die eigentliche Realität. Die eigentliche Realität ist die Bundestreue Gottes. Und sie erinnern uns an unsere eigene Bundestreue, dass wir uns damit Gott zuwenden und uns auf ihn verpflichten.

Das Abendmahl ist also nicht nur Erinnerung an das, was Jesus getan hat, sondern es nimmt uns wieder neu in diesen Bund hinein. Wir erinnern uns an Jesu Hingabe an uns, und wir erneuern unsere eigene Hingabe an ihn.

Man kann das vielleicht auch mit einer Hochzeit vergleichen. Wenn zwei, die sich lieben, heiraten, dann gehen sie nach christlichem Verständnis vor dem Traualtar einen Bund ein. Das heißt: Sie versprechen sich einander. Nun heiratet man im Idealfall nur einmal, aber stellen wir uns das Abendmahl doch mal vor wie eine beständige Wiederholung dieser Hingabe. Ich frage mich was das für einen interessanten Einfluss auf unsere Ehen hätte, wenn wir uns nach der der Hochzeit immer wieder, sagen wir jedes Jahr, neu einem solchen Ritual unterziehen, in dem wir an diesen Bundesschluss erinnert werden, und wo wir uns ganz neu gegenseitig Liebe und Treue versprechen. Gott gibt sich selbst an uns hin in Jesus. Er verspricht uns ewige Treue und Liebe. Er nimmt uns vollständig an mit unserer ganzen Zerbrochenheit. Und wir geben uns hin an ihn. Wir treten immer wieder und wieder ein in diesen Bund der Liebe und Hingabe.

Was hat das für eine Wirkung auf uns? Es ist ja gerade nicht nur Erinnerung, sondern es hat tatsächlich lebensverändernde Kraft. Es hat eine transformierende Wirkung. Und das ist das Besondere an einem Sakrament. Ein Sakrament ist ein Zeichen, das uns auf eine tiefere Realität verweist. Das Sakrament bringt uns ganz praktisch in Kontakt mit dieser Realität. Es ist nicht nur Theorie.

Der anglikanische Bischof Tom Wright schreibt dazu Folgendes:

„Was passiert in diesem Moment? In diesem Moment kommt die ganze Welt unter das Kreuz.  Die Gemeinde ist die „königliche Priesterschaft“, und sie nimmt den Lobpreis und den Schmerz der ganzen Schöpfung auf sich und schließt alles ein in Gebet und Sakrament.  Das bedeutet, dass aus dem Abendmahl die Gerechtigkeit Gottes und Frieden in die Welt hinaus strömen. Paulus sagt, dass wir im Abendmahl „den Tod Jesu verkündigen“. Damit meint er ja nicht, dass das Abendmahl eine gute Gelegenheit für eine Predigt sei. Er meint damit die Handlung selbst. Diese Handlung ist wie ein eindrucksvolles Bühnenstück, das von uns aufgeführt wird. Es zeigt den Mächtigen, es zeigt der sichtbaren und unsichtbaren Welt demonstrativ, dass Jesus der Herr ist, und dass sein Kreuz der Sieg über alles Böse ist. Die Gemeinde, die von diesem Sakrament ermutigt und erneuert wird, kann dann hinaus gehen, um diesen Sieg in die Praxis umzusetzen. Im Stadtrat und im Klassenzimmer. Im Arbeitsamt, im Wartezimmer für Krebspatienten und in den Friedensverhandlungen.“ (Nicolas Thomas Wright: „The Meal Jesus gave us“, Übersetzung M.Störmer)

Das ist der neue Bund: Es ist keine Theorie, der wir zustimmen. Es ist kein Ritual, das wir gehorsam ableisten. Sondern es ist eine echte Erfahrung, die uns auf heilsame Weise verändert. Wir bekommen Gottes Liebe zugesprochen. Persönlich. Greifbar. Seht und schmeckt. Gott spricht sich dir zu. Er sagt ja zu dir. Er sagt ja zu dir in deiner ganzen Zerbrochenheit. Er sagt ja zu dir auf eine Weise, die dich wieder heil und ganz macht. Er schließt dich ein in den neuen Bund, der dein Herz verändert und deine Schuld vergibt. Und ich könnte jetzt noch so viele Worte machen, aber es kommt nicht auf Worte an, sondern darauf, dass wir daran teilhaben. Im Abendmahl sagt Gott ja zu dir, und du sagst ja zu Gott. Und du wirst verändert. Und dann gehst Du verändert zurück in deinen Alltag und veränderst diese Welt.

So viel einmal zum Thema: Abendmahl als ein Mahl des neuen Bundes.

Jetzt könnte man noch sehr viel mehr sagen. Ich will es nicht zu ausführlich machen, aber ein paar kleine Stichworte sind mir noch wichtig:

Das Abendmahl ist auch ein Mahl der Gemeinschaft. Es ist nicht nur eine Sache zwischen Gott und mir persönlich. Nein, wir feiern es miteinander. Wir brauchen einander. Wir brauchen jemanden, der uns das Brot und den Kelch reicht und es uns persönlich sagt: Das ist Christi Leib, der für dich hingegeben ist. Der neue Bund Gottes, für den er sein Blut vergossen hat.

Und wir stehen dabei gemeinsam vor Gott. Niemand von uns ist besser oder würdiger, das Abendmahl zu empfangen. Nein – im Abendmahl stehen wir auf einer Stufe gemeinsam. Jeder Unterschied, den wir uns vielleicht manchmal einbilden, wird nivelliert. Im Abendmahl werden wir vereint. Wir essen miteinander. Wir trinken miteinander.

Daraus ergibt sich der nächste Gedanke: Niemand ist unwürdig. Jeder darf kommen. Das sehen manche Gemeinden vielleicht ein klein wenig anders. Manche sagen: Na ja, wenn du zum Abendmahl willst, musst Du eigentlich erst dein Leben in Ordnung gebracht haben. Ich halte diesen Ansatz für brandgefährlich, denn er läuft der Botschaft des Evangeliums zuwider. Ja, da gibt es eine Stelle, wo es heißt: Jeder soll sich prüfen, und Jesus sagte mal: Wenn du zum Altar gehst und auf dem Weg fällt dir ein, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, dann versöhne dich zuerst mit deinem Bruder und dann komm und bring dein Opfer.

Ja, diese Stellen gibt es. Aber in diesen Stellen geht es nicht um die Frage, ob ein Sünder das Abendmahl bekommen darf. Ich sage: Selbstverständlich darf er das. Nur Sünder bekommen überhaupt das Abendmahl.

Nein – in diesen Stellen geht es um die Frage, ob ich mich für etwas Besseres halte als andere. Ob ich meine, ich hätte Versöhnung nicht nötig. Oder ob ich denke, die anderen Christen sind nicht so wichtig. Wer so denkt, geht ohnehin mit einer vollkommen falschen Haltung zum Abendmahl.

Aber wenn Du als Sünder kommst oder als zerbrochener Mensch, darfst Du immer kommen. Ohne Ausnahme. Denn genau darum geht es doch: Dass unsere Gemeinschaft mit Gott und miteinander wieder hergestellt wird und dass wir Vergebung zugesprochen bekommen.

Und wenn du dich unwürdig fühlst, gerade dann bist du würdig zu kommen. Und ich trete vor den Tisch des Herrn gemeinsam mit meinen Brüdern und Schwestern, und Gott spricht uns würdig, dass er sich mit uns verbindet in Liebe und Treue.

Wenn wir das praktizieren, dann wird das Abendmahl auch immer wieder zum Mahl der Versöhnung. Nicht nur mit Gott, sondern jetzt auch zur Versöhnung miteinander.

Manchmal ist das nicht einfach. Wenn wir gemeinsam mit anderen Christen zum Abendmahlstisch gehen, mit denen wir vielleicht gerade so eine kleine oder größere Meinungsverschiedenheit haben, oder wo die Chemie nicht so ganz stimmt. Das kann ein bisschen schwierig sein. Aber solange wir prinzipiell bereit sind zur Versöhnung, spricht nichts dagegen und alles dafür, gemeinsam zu kommen, nebeneinander zu stehen. Und sich auch die Hand zu reichen und sich ehrlich und von Herzen den Frieden Gottes zuzusprechen. Denn dieses Mahl ist ein Mahl für die Zerbrochenen, nicht für die Perfekten. Hier dürfen Beziehungen heil werden. Und auch wenn das nicht gleich gelingt, ist es doch ein großer Schritt zu einem versöhnten Leben.

Diesen Schritt dürfen wir mutig gehen. Denn Gott ist den ersten Schritt schon längst vor uns gegangen. Und er lädt uns ein,  in diesen neuen Bund einzutreten und ja zu sagen zu ihm. Wieder und wieder. Oder heute zum ersten Mal.