Von Hirten und Hürden

Von Hirten und Hürden.

Heute ist der Sonntag „Misericordias Domini“. Das heißt: Die Barmherzigkeit des Herrn. Hinter diesem Titel versteckt sich der Wochenspruch: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“.

Dementsprechend geht es heute um Hirten. Oder besser gesagt: Um Hirten und Hürden.

Ein paar Sätze zur Einleitung: Letzte Woche hat Jürgen Mette auf Facebook geschrieben, dass die meisten Predigten momentan eine bestimmte Floskel enthalten. Diese Floskel lautet: „Wir kommen ja von Ostern her“.

Ja, das tun wir in der Tat. Das Kirchenjahr hat seine wichtigsten Themen hinter sich. Pfingsten liegt noch vor uns, aber dann kommt die lange Sommerzeit ohne besonderen Anlass. In diesen Wochen wird also noch ein bisschen Nachlese von Ostern gehalten, und natürlich gehört auch unser Wochenspruch dazu. Jesus, der gute Hirte, der am Kreuz sein Leben für uns gab. Und wir sind die Schafe, wie es so schön bildhaft in der Bibel heißt.

Ich möchte diese Bilder mal zum Anlass nehmen, um uns ein wenig aus der Reserve zu locken. Was hat es denn mit Hirten und Schafen auf sich, wenn man in diese Metaphern einsteigt? Und: Was ist denn nach Ostern mit dieser christlichen Schafherde passiert?

 Ich komme vom Dorf. Das qualifiziert mich nicht dazu, mich über landwirtschaftliche Themen besser als andere zu äußern. Aber ich habe schon einige Stunden im Leben auf diversen Bauernhöfen zugebracht und war in vielen Ställen und auf vielen Feldern, Wiesen und Weiden. Vielleicht ist da so eine gewisse Ur-Verbundenheit mit diesen Bildern.

Für Kühe und Schafe gibt es ja so zwei grundsätzliche Lebensräume. Der eine Lebensraum ist die Weide und der andere ist der Stall.

Jesus verwendet übrigens beides in seinen Vergleichen:

Joh 10,1   Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe eingeht, sondern anderswo hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.  2 Wer aber durch die Tür eingeht, ist Hirte der Schafe.  3 Diesem tut der Türhüter auf, und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft seine eigenen Schafe mit Namen und führt sie heraus.  4 Wenn er seine eigenen Schafe alle herausgebracht hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen.  5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen. […] 9 Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, so wird er errettet werden und wird ein– und ausgehen und Weide finden.

Wenn wir diese beiden Lebensräume mal vergleichen, dann ist Folgendes wichtig:

Im Stall finden die Tiere Schutz. Der Stall ist abgeschlossen. Das vermittelt  Sicherheit.

Der Stall dient auch der Kontrolle. Der Besitzer kann sich ungestört um jedes Tier kümmern. Die Schafe können geschoren werden, die Kühe gemolken, kranke Tiere können versorgt werden. Ein Stall ist auch fest. Er ist statisch. Er vermittelt Beständigkeit. 

Auf der Weide hingegen finden die Tiere, was sie zum Leben brauchen: Nur dort ist genug Futter. Dort wachsen die frischen Kräuter. Die Luft ist auch besser als im Stall. Hier können sich die Tiere austoben, umherlaufen und sind hoffentlich einigermaßen glücklich. Bei uns zu Hause waren die meisten Weiden eingezäunt, aber zur Zeit Jesu war das eher nicht der Fall. Eine Weide ist auch offen. Sie ist unter freiem Himmel. Deshalb ist sie immer auch verbunden mit einer Ungewissheit. Auf einer Weide könnte Gefahr lauern. Raubtiere können einfallen. Unwegsames Gelände kann zu Verletzungen führen. Auch der Weg vom Stall zur Weide kann eine Gefahrenquelle sein.

Jesus spricht davon, dass wir durch ihn „Ein- und ausgehen und Weide finden“.

In meinem Dorf gab es auch Tiere, die ihr ganzes Leben im Prinzip nur im Stall verbrachten. Milchkühe, Schweine, Hühner und dergleichen.

Eine Herde, die nur im Stall bleibt, braucht keinen Hirten, sondern nur einen Bauern. Der Bauer kümmert sich um die Aufrechterhaltung der Abläufe und Strukturen des Hofes. Er schafft das Futter heran und füttert die Tiere im Stall. Er mistet den Stall aus und kümmert sich um die Tiere, und er zieht daraus natürlich auch seinen Nutzen.

Ein Hirte hingegen hat andere Aufgaben: Wenn ein Hirte eine Herde zur Weide führt, muss er die Weidegründe auskundschaften, er muss auf dem ganzen Weg die Übersicht behalten, er muss den Tieren die Richtung weisen und die Herde von A nach B zusammenhalten. Und wenn Gefahr droht, muss er zur Stelle sein, um Probleme zu lösen und vielleicht Raubtiere oder Diebe abzuwehren.

Wenn wir diese beiden Bilder anschauen, was können wir daraus für uns lernen? Und was heißt es dann für uns, Jesus als Hirten nachzufolgen?

Gemeinde ist ja so ein Ding zwischen Stall und Weide. Wir spüren instinktiv: Beides gehört zusammen. Wir brauchen den Hirten, der uns nach draußen führt, wir brauchen aber auch den Stall, den sicheren Rückzugsort.

Ohne den Hirten wäre jeder Ausflug in die Wildnis ein unwägbares Risiko.  Aber wenn wir uns nur auf den Stall konzentrieren, wird er zum Hindernis, zur Hürde für jede weitere Entwicklung. Zum Gefängnis.  Von Hirten und Hürden.

Ich möchte diese ursprünglichen Bilder jetzt mal ein wenig verlassen und schauen, was dahinter steckt.

Es gibt einen etwas zynischen Satz von dem katholischen Theologen Alfred Loisy. Er sagte: „Jesus verkündete das Reich Gottes, aber was kam, war die Kirche.“ 

Mir geht es jetzt aber nicht darum, hier einen scharfen Gegensatz zu konstruieren. Offensichtlich brauchen wir als Menschen diesen Stall, diese Strukturen, diese Institutionen. Nur durch sie kann eine dauerhafte Stabilität geschaffen werden, und das ist ja zuerst einmal nicht verkehrt.

Damit wir aber das Problem genauer verstehen, habe ich mal ein wenig in die Forschung über soziale Bewegungen hineingeschaut:

Am Anfang steht eine gemeinsame Idee, um die herum sich eine Gemeinschaft bildet. (Gründungsidee).

Wenn genügend Menschen diese Idee teilen und merken, dass die Voraussetzungen stimmen, dann werden sie sich miteinander einig. Sie reden über diese Grundlagen und Ideen und formulieren vielleicht auch gemeinsame Grundsätze.

So fängt jede Bewegung an. Aus einer zündenden Idee, aus einer faszinierenden Inspiration wird etwas Gemeinsames. Aus einem Gedankenblitz wird ein Leuchtfeuer. Aus einem „wie wäre es, wenn“ wird ein „lasst uns gemeinsam“.

Das ist etwas, was uns unheimlich faszinieren kann. Eine Bewegung, die eine neue Idee voranbringt, wirkt oft wie ein Magnet. Sie zieht immer mehr Menschen an. Sie ist interessant. Sie ist attraktiv, anziehend. Genau hier hat diese Floskel ihren Platz: „Wir kommen ja von Ostern her!“ Ja, eben! Ostern ist der Zündfunke des christlichen Glaubens.  Hier beginnt eine Bewegung, die sich nicht stoppen lässt.

In einem nächsten Schritt muss die Bewegung sich aber einig werden, mit welchen Methoden sie arbeiten möchte. Welche ethischen Grundsätze und Werte sind wichtig? Auf welchem Weg will man das Ziel erreichen.

Eine Bürgerprotestbewegung kann zum Beispiel sagen: Wir wollen unser Ziel gewaltfrei erreichen. Sie kann aber auch zur gewaltsamen Revolution aufrufen. Das ist natürlich unheimlich wichtig und gehört alles zu den grundsätzlichen Fragen, wie eine Bewegung entsteht.

Wenn nun eine Bewegung begonnen hat, wird sie immer auch Strukturen ausbilden, die ihr helfen. Man sucht einen Versammlungsort, hat gewisse Veranstaltungen und Programme. Es entstehen Beziehungsstrukturen und Rangordnungen. Vielleicht auch gemeinsame Symbole, Lieder und so weiter. Kernaussagen werden zu Slogans, die man sich immer wieder zuruft.

Diese Strukturbildung ist vollkommen normal und passiert bei jeder Bewegung. Im Idealfall sind diese Strukturen so gut, dass sie der Bewegung eine dauerhafte Stabilität geben. Auf dem Gipfelpunkt steht ein harmonisches Miteinander von Bewegung und Struktur. Ein großes WIR-Gefühl. Aus der Bewegung ist eine Institution geworden. Wenn wir in die Bibel rein schauen, sehen wir diese Entwicklung 1:1 in der Apostelgeschichte. Überall, wo die Christen sich miteinander auf den Weg machen, entstehen auch diese Strukturen und Institutionen.

Meistens passiert an dieser Stelle aber etwas. Wenn eine Bewegung ihr Ziel erreicht hat, geht der erste Schwung verloren. Die inspirierende Idee, die ganz am Anfang stand, hat sich in Strukturen und Leitsprüchen verfestigt. Der Flair des Neuen geht verloren, die Bewegung wird langsamer in ihrem Vortrieb, weil sie bestimmte Ziele ja erreicht hat. Hier besteht die Gefahr, dass die Institution zum Mittelpunkt wird. 

Nochmal: Die Bewegung hat mit viel Schwung diese Institution geschaffen. Auf dem Höhepunkt sind Bewegung und Institution miteinander in perfekter Harmonie vereint. Die Institution verkörpert die Idee. Bewegung und Institution sind wie ein und dasselbe. Scheinbar.

Aber Institutionen haben die Eigenschaft, sich zu verfestigen. Sie sollten der Bewegung Stabilität und Sicherheit geben. Aber ganz oft passiert es, dass eine Institution zuerst einmal sich selbst Stabilität gibt. Wenn die Bewegung ihre Kraft verliert, bleibt diese Institution durch reine Massenträgheit stabil.

Institutionen sind wie ein Korallenriff. Eine Koralle wächst und wächst. Dabei bildet sie ein schützendes Kalkskelett. Das ist für die Koralle lebenswichtig.  Sie kann sich in dieses Skelett zurück ziehen und sich so vor Fressfeinden schützen. Wenn die Koralle aber weiter wächst, bleibt das alte Skelett zurück. Es behält seine Form und sieht sogar wunderschön aus, aber es enthält keine Koralle mehr. Die ist vielleicht schon längst herausgewachsen und weiter gewachsen. Oder eben abgestorben. Auch das kann sein.

Eine Institution, der das passiert, kann noch sehr lange existieren.  Aber sie wird sich nicht mehr entwickeln. Nach und nach stellen die Menschen ihre Berechtigung und ihren Sinn in Frage und fangen an, sich innerlich von ihr zu distanzieren. Die Methoden und Programme und vielleicht sogar manche ethischen Grundsätze werden in Frage gestellt, weil sie dem Leben nicht mehr dienen. Schließlich ziehen sich viele zurück. Am Ende bleiben nur noch Nostalgiker und Traditionalisten übrig, bis die Institution ihren Platz im Museum der Weltgeschichte findet.

Es sei denn, es passiert etwas. Aber was soll passieren, und warum soll es passieren?

Hier wird es für uns als Gemeinde sehr spannend. Wie können wir erreichen, dass wir eine Bewegung bleiben? Was ist der Zündfunke, der uns begeistert und uns gemeinsam zu neuen Ufern aufbrechen lässt?

Ich möchte mal ein paar Dinge nennen, die ich dabei für wichtig halte.

1. Wenn wir gemeinsame Ziele formulieren, müssen wir klar unterscheiden zwischen inhaltlichen Zielen und institutionellen Zielen.

Es gibt gerade in der Gemeindearbeit eine große Versuchung, sich an der äußeren Form anderer Gemeinden zu orientieren. Das war in den 90-er Jahren die Willow Creek Community Church von Bill Hybles, oder Anfang der 2000-er die Saddleback-Gemeinde von Rick Warren. Erfolgreiche Großgemeinden aus den USA, die tausende von Menschen begeistern konnten für Jesus, und die auch heute noch trotz mancher Rückschläge ganz vorne mit dabei sind.

Heute ist es vielleicht die coole ICF-Bewegung aus der Schweiz, die mit viel Elan und aktueller Sprache, Technik und angesagten Veranstaltungen viele junge Christen begeistert.

Oder es sind progressive postmoderne Gemeinden wie die faszinierende Eastlake Community Church in Seattle.

Was aber alle diese Institutionen vereint ist, dass sie mit einer zündenden Idee zu einer kraftvollen Bewegung geworden sind.

Es wäre ein fataler Fehler, sich an der äußeren Gestaltung dieser Gemeinden zu orientieren. Genau das passiert aber immer wieder: Ziele werden immer wieder fälschlicherweise an institutionellen Äußerlichkeiten gemessen. An Programmen, Gebäuden, Technik, Finanzen, Strukturen.

Das Entscheidende aber sind die inhaltlichen Ziele: Geistliches Wachstum, diakonisches und soziales Engagement, ein Glaube, der unser Leben verändert. Wachstum in der Liebe zu Gott und zu den Menschen. Der Wunsch, eine positive Präsenz in dieser Stadt zu sein. Heilung und Liebe und Veränderung in das Leben von Menschen hinein zu bringen. Diese Welt mitgestalten. Sich in der Beziehung zu Gott und zu sich selbst immer wieder erneuern lassen. Sich von Gottes Geist transformieren lassen zu einem neuen Leben.

Das sind die entscheidenden Ziele. Und das dürfen wir niemals verwechseln.

Alle institutionellen und strukturellen Ziele müssen im Dienst dieser Inhalte stehen.  Niemals umgekehrt.

2. Wenn es bröckelt, dann hat es keinen Sinn, die Institution zu retten, sondern dann müssen wir uns fragen, ob die Inhalte noch richtig sind. Die zündende Idee hat Menschen in jeder Generation dazu bewegt, neue Wege zu suchen und neue Institutionen zu bauen. „Tradition ist nicht das Weitergeben der Asche, sondern das Bewahren des Feuers.“

Leider sind es gerade die Institutionen, die uns Sicherheit und Vertrauen einflößen. Es erfordert viel Überwindung, den Sprung über diese Hürde zu machen und sich ganz neu auf die Inhalte zu besinnen. Vor allem, wenn es noch keine neuen Modelle gibt, wie es weiter gehen könnte. Das Alte funktioniert nicht mehr – und das Neue ist noch nicht sichtbar. Wir sind wie eine Schafherde auf dem Weg.

3. Dabei geht es nicht um eine Veränderung nur um der Veränderung willen. Die Kraft einer Bewegung liegt nicht in der Veränderung, sondern in ihrer Gründungsidee. Jede Veränderung muss dieser Gründungsidee entsprechen. Wo innerhalb einer Institution diese Idee neu Feuer fängt, kann es sehr positiv weiter gehen, und die Veränderungen bringen neue Stabilität und fördern neues Leben.

4. Fürchten wir uns nicht vor Infragestellung und Unruhe. Sie sind Zeichen des Lebens. Eine gesunde Gemeinde wird jede Infragestellung aushalten und daran wachsen. Wenn es in einer Gemeinde Fragen gibt, die man nicht stellen darf, dann ist das immer ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stabil ist, dass etwas schon bröckelt.

5. „Ein bisschen Chaos“ ist gesund. Das merkt z.B. man bei einem Wandertag, wenn eine Gruppe sich in Bewegung versetzt. Am Anfang herrscht immer ein bisschen Chaos, bis alle gemerkt haben, dass es los geht und bis sich die Gruppe sortiert hat. Wenn es ein gemeinsames Ziel gibt und eine gemeinsame Idee, dann wird sich alles sortieren, und dann ist ein bisschen Durcheinander ganz normal. Veränderung bringt immer Dinge durcheinander und sorgt meistens auch für Ärger. Das ist am schwersten für Leute, die am liebsten alles gut geordnet haben. Aber eine Bewegung braucht gerade diese Leute, um neue Strukturen zu schaffen, die gut funktionieren.

6. Dem Hirten folgen.

Christliche Gemeinde ist immer eine Gemeinschaft auf dem Weg. In unserer Geschichte haben wir diese Bewegung oft mit dem Missionsauftrag Jesu begründet: Jesus schickt uns in alle Welt, und darum bewegen wir uns. Auf einer Tagung vor einigen Jahren hat uns der australische Missiologe Michael Frost immer wieder einen Satz eingehämmert: „Zu wem bist Du gesandt?“

Ich sage: Ja, es ist sehr wichtig, dass wir wissen, zu wem wir gesagt sind. Aber.

Noch wichtiger ist meiner Meinung nach die Frage, von wem wir gesandt sind.  Unser Gottesbild bestimmt ganz entscheidend, wo unser Weg verläuft und mit welcher Motivation wir ihn gehen.

Es ist ein großer Unterschied, ob wir von einem Gott her kommen, der diese Welt verabscheut oder ob wir von einem Gott her kommen, der diese Welt liebt. Es ist ein großer Unterschied, ob Gott in erster Linie Gehorsam fordert oder ob er in erster Linie Heilung und Liebe schenkt. Es ist ein entscheidender Unterscheid, ob unser Herr ein guter Hirte ist oder ein Konzern mit ausbeuterischer Massentierhaltung.

Ich wünsche mir für uns, dass wir uns neu darüber klar werden, wer Jesus ist. Was ist das für ein Gott, dem Du nachfolgst? Was ist der Zündfunke, der dich in Bewegung versetzt?

Und ich wünsche mir, dass wir diese Begeisterung neu entdecken. Wenn wir das tun, dann werden wir auch morgen noch Strukturen bauen und eine Gemeinde haben, die in dieser Welt relevant ist.

Schreibe einen Kommentar